Nach den deutschlandweiten Rekordtemperaturen ist die Diskussion um einen zielführenden Hitzeschutz neu entfacht. Denn Wetterextreme belasten das Gesundheitswesen.
Am Wochenende ist ein, wie Meteorologen das Wetterphänomen nennen, Heat Dome, eine Hitzeglocke, über Deutschland gezogen. Dabei stülpt sich ein stabiles Hochdruckgebiet wie ein Deckel über eine Region. Die Folge sind Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke, die sich auch nachts nicht wirklich runterkühlen. Am Samstag mussten Menschen mancherorts bei über 29 Grad irgendwie in den Schlaf finden. Und weil diese Art der Wetterextreme tendenziell wahrscheinlicher werden, ist übers Wochenende auch die Hitzeschutzdiskussion neu entfacht. Denn das Wochenende zeigt, dass vor allem die deutsche Infrastruktur nicht für derartige Temperaturen ausgelastet ist.
Zum einen sind Notaufnahmen und Rettungskräfte vielerorts an ihre Belastungsgrenzen gekommen. Einige Einsatzkräfte berichteten, dass die reguläre Personalplanung nicht ausgereicht habe, um das Einsatzaufkommen zu managen. Allerdings machte es der Transport in die nächste Klinik für viele Patientinnen und Patienten auch nicht zwingend besser. Denn dort ist vor allem die Gebäudeinfrastruktur dermaßen veraltet, dass in der Regel nur die Intensivstationen oder technologieintensive Stationen wie die Radiologie klimatisiert sind. Entsprechend konnten vergangenes Wochenende viele Betten nicht belegt werden, weil selbst in den Kliniken die Zimmer zu heiß waren. Das bestätigte auch die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna, im ZDF-Morgenmagazin: „Die meisten Intensivstationen in Deutschland sind mittlerweile klimatisiert, aber dann hört es auch schon fast auf. Nur ein Dritter der Häuser haben klimatisierte Patientenzimmer.“
Infrastruktur überdenken
Aus Sicht von Johna liegt es nun an der Politik, aber auch an Architekten und Klinikkette, den Klimawandel mit zunehmenden Hitzewellen auch in der Planung der Gebäude zu berücksichtigen: „Wir bräuchten natürlich im Wesentlichen Raumlufttechnik und dort, wo Patientinnen und Patienten sind, doch mal mindestens eine Außenbeschattung der Fenster“, sagte die Ärztin weiter. „Da erleben wir selbst bei Neubauten, dass scheinbar die Repräsentativität mehr zählt als die Vernunft.“
Das Problem: Es gibt keine verbindlichen Vorgaben der Länder für die Kliniken, wie Hitzeschutz umgesetzt werden soll. Die Politik setzt auf individuelle Lösungen und gibt lediglich einen Muster-Hitzeschutzplan vor – der ist allerdings aus April 2024. Und selbst wenn es Vorgaben gäbe, müssten die auch irgendwie finanziert werden. Angesichts der aktuellen Gemengelage ein zusätzlicher Kostenfaktor, der nicht einkalkuliert ist. Das monierte am Wochenende auch Prof. Dr. Uwe Janssens, Medizinischer Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, im Brennpunkt der ARD. In Deutschland spreche man seit Jahren nicht über die Anzahl an Hitzetoden. 2022 seien mehr Menschen aufgrund extremer Hitze ums Leben gekommen als im Straßenverkehr und die Politik schaue weg. Investitionen in den Hitzeschutz in Pflegheimen, in Kliniken sei dringend notwendig, aber er finde nicht statt. „Wir müssen uns an einen Tisch setzen, wir müssen einen Kompass entwickeln“, appelliert Prof. Janssens. 21 bis 30 Milliarden Euro seien nötig, allein um die Krankenhäuser resilient zu machen, schätzt der DIVI-Experte, was natürlich absolut konträr zum aktuellen Sparkurs der Regierung stehe.
Ganzheitliche Strategie
Kliniken und Pflegeheime sind allerdings nicht die einzigen, die die extreme Hitze vor Herausforderungen stellt. In der aktuellen Folge des Podcast „Nur mal so zum Wissen“ nehmen die Hosts Tom Bellartz und Patrick Hollstein ein massives regulatorisches Ungleichgewicht bei der Transportkühlung von Medikamenten ins Visier. Vor-Ort-Apotheken unterliegen strengen Auflagen, doch zeitgleich werden täglich tausende Arzneimittelbestellungen großer Versandapotheken ungekühlt und unkontrolliert über Standard-Lieferfahrzeuge von Post- und Paketdienstleistern ausgeliefert. Für die Lagerung der meisten Arzneimittel ist gesetzlich ein strikter Temperaturbereich von 15 bis 25 Grad Celsius vorgeschrieben. Aufsichtsbehörden wie das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales fordern von inhabergeführten Apotheken lückenlose Temperaturprotokolle ein. Im Standard-Postversand hingegen gibt es keinerlei Kontrollen. Dabei war in der anstehenden Apothekenreform ursprünglich vorgesehen, auch Speditionen beim Arzneimitteltransport strenger in die Pflicht zu nehmen. Nach Interventionen auf EU-Ebene wurde dieser präventive Verbraucherschutz jedoch wieder gestrichen. Die Verantwortung verbleibt somit einseitig bei den Apotheken vor Ort, sodass Logistik- und Versandriesen wie DHL, DocMorris oder Redcare komplett aus der Haftung entlassen sind.
Das vergangene Wochenende hat also gezeigt, dass wir im deutschen Gesundheitswesen noch vor deutlich mehr Herausforderungen stehen, als die bisher breit diskutierten. Ob, wie und wann die jedoch adressiert werden, hängt sicherlich auch davon ab, wie häufig sich Wetterphänomene wie der Heat Dome über Deutschland und damit den Finger in die Wunde legen.



