Gescheiterter Balanceakt

by | Oct 31, 2023

Anhoren

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Vorzeige-KI-Startup Babylon Health war eine Geldvernichtungsmaschine, wie sich nun rausstellt – auch, weil Tech und Healthcare zwei Branchen sind, die sich erst noch annähern müssen.

Es ist eine Geschichte im Alten Testament, die mit wenigen Zeilen vor der menschlichen Hybris warnt: Der Turmbau zu Babel erzählt vom Versuch, Gott nahe zu sein, ihm am Ende sogar gleich zu kommen. Dafür wollten die Babylonier ein Bauwerk schaffen, das bis in den Himmel ragt.  

Ob der britisch-iranische Gesundheitsunternehmer Ali Parsa eben diese Bibelverse im Hinterkopf hatte, als er Babylon Health gegründet hat, ist nicht überliefert. In jedem Fall sind die Parallelen vom kometenhaften Aufstieg bis hin zum tiefen Absturz erstaunlich. 

2013 gegründet, hat Babylon Health bis zum Börsengang in New York 2021 knapp 1,2 Milliarden US-Dollar von Investoren eingesammelt. Die Bewertungen lagen zwischenzeitlich sogar bei über vier Milliarden. Die britische Sunday Times nannte Babylon „eines der am großzügigsten finanzierten medizinischen Startups der Welt“. Zwei Jahre später war von diesem Glanz nichts mehr übrig. Babylon wurde für wenige Millionen an einen US-Konkurrenten verkauft – quasi ein Totalverlust für die Investoren, darunter Schwergewichte wie Chinas Tencent oder der saudische Staatsfonds.  

Leere Hülle 

Mittlerweile berichten Mitarbeiter von einem Scheinkonstrukt, von weiteren 30 Jahren Forschung und Entwicklung, um die Versprechen überhaupt einhalten zu können, die das Unternehmen mit Blick auf die Gesundheitsversorgung gemacht hat. Und auch die KI sei in Wirklichkeit eine Excel-Tabelle gewesen, die auf standardisierten Wenn-Dann-Entscheidungen beruht habe, berichtet der Spectator und nennt das Konstrukt „AIwashing“ in Anlehndung an das englische Wort für Augenwischerei.  

Schon der Börsengang in den USA hätte Investoren hellhörig werden lassen können. Denn der war als Special Purpose Acquisition Companies, kurz SPAC, konzipiert. SPAC haben vor ein paar Jahren vor allem in den USA ein kurzes Revival erlebt, obwohl sie kein ganz neues Thema sind. Diese Vehikel gab es in den 80er Jahren schon einmal – damals unter dem nicht sehr schmeichelhaften Namen „Blankoscheck-Firmen“. Der Grund: SPAC finanzieren keinen Wert, sondern vielmehr eine Unternehmensidee. Zum Teil handelt es sich um eine „leere Hülle“, die erst nach erfolgreichem Börsengang mit einer Idee „gefüllt“ wird. Je nach Investitionsziel kann damit ein immenses Risiko verbunden sein, dass Investoren entsprechend mittragen. Dennoch haben SPAC ihre Daseinsberechtigung, da sie einerseits Wachstumsunternehmen einen zügigen und meist auch kostengünstigen Zugang zum Kapitalmarkt bieten, während ein breites Investorenpublikum direkten Zugang zu eben solchen Investments bekommt, die sie sonst verhältnismäßig teuer über Fonds und Private Equity bezahlen müssten. Nur muss eben allen Beteiligten das Risiko eines Totalverlusts klar sein.  

Vorsatz oder Hochmut? 

In der Causa Babylon Health ziehen erste Medien bereits einen Vergleich zwischen der Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes, die ein Scheitern ihres Bluttest-Startups nicht akzeptieren wollte und deshalb wegen Betrugs in den USA zu über elf Jahren Haft verurteilt wurde. Ali Parsa wurde solch krimineller Vorsatz bisher noch nicht vorgeworfen. Wer 1,2 Milliarden US-Dollar in so kurzer Zeit auf einen Wert von weniger als zehn Millionen reduziert muss sich irgendwann aber wohl zwangsläufig die Frage gefallen lassen, wann sich das Scheitern abgezeichnet hat und welche Fehlentscheidungen letztendlich dazu geführt haben. 

Zu Parsas Verteidigung muss man sich allerdings vor Augen führen, dass die schnelllebige Tech- und Startup-Welt so gar nicht mit dem bedächtigen und auf Sicherheit fokussierten Gesundheitswesen zusammenpassen will. Das gilt vor allem mit Blick auf Künstliche Intelligenz. Die US-Arzneimittelaufsicht FDA versucht sich gerade an diesem Spagat, einerseits schnell genug bei Zulassungen zu sein, um nicht mit schwerfälligen Vorschriften Innovationen zu verzögern oder gar zu verhindern, die Patienten zugutekommen könnten, und andererseits die Risiken nicht außer Acht zu lassen, die beispielsweise mit einer KI-Diagnose einhergehen können.  

Die FDA hat bisher etwa 520 KI-gestützte Geräte zugelassen, davon die meisten für die Radiologie. Dort hat sich die Technologie beim Auslesen von Röntgenbildern besonders beweisen können. FDA-Kommissar Robert Califf hat in einer Sitzung im August allerdings auch betont, dass man bei der Zulassung von prädiktiven KI-Systemen gute Erfahrungen gemacht habe, die vielen neuen Entwicklungen auf Basis generativer KI mit ihren Antworten auf menschliche Anfragen eine ganz andere Hausnummer seien. Wortwörtlich nannte er es „eine Art unheimlichen Bereich der Regulierung“. Und der könnte die Behörden weltweit noch vor immense Herausforderungen stellen, glauben Experten.  

Ein Fall wie Babylon Health, wo die KI nicht mehr als eine Excel-Tabelle ist, tut „nur“ den Investoren weh, die sich auf die vollmundigen Versprechen verlassen habe. KI, die eine Gefahr für die Behandlungs- oder Medikamentensicherheit darstellen könnte, ist ein ganz anderes Kaliber. Auch deshalb werden wir über Potenziale, Chancen und Risiken von KI im Gesundheitswesen noch viel diskutieren müssen.  

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