We The People: Selbstwirksamkeit und Digitale Transformation im Gesundheitswesen

by | May 16, 2024

Anhoren

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Leise, doch zunehmend lauter melden sich Patienten zu Wort und verschaffen sich Gehör. Bürger sind in der Regel ruhiger, denn die Beschäftigung mit Gesundheit beginnt üblicherweise erst mit einer eigenen Erkrankung. Pathogenese steht vor Salutogenese, sagt Gastautor Markus Mundhenke. Dazwischen herrsche ein seltsamer, unbestimmter Schwebezustand. Eingerahmt ist er zwischen Begriffen wie Wellness, Lifestyle, Quantified Self der Gesundheits- und Körperbewussten auf der einen und dem Präventionsbegriff als Nischenthema des SGB V auf der anderen Seite. Es wird Zeit, Selbstwirksamkeit zu wagen, zu fördern und zu belohnen.

 

Wie paradox ist das eigentlich! Während meiner Ausbildung und Weiterbildung zum Arzt habe ich so viel über die Funktionsweise des menschlichen Körpers erfahren und die Fähigkeit entwickelt, Abweichungen zu erkennen und Krankheiten zu behandeln. Wenig wurde gelehrt und gelernt, wie es der Organismus schafft, feinreguliert und in der überwiegenden Zeit unseres Lebens eigenständig Störeinflüssen zu begegnen, diese zu kompensieren oder gar Krankheiten zu heilen. Damals kam der Mensch zu kurz, der mit Hilfe von Erklärungen verstehen soll und handeln lernt. Und dies findet seine Fortsetzung in der geringen finanziellen Entschädigung der sprechenden Medizin im einheitlichen Bewertungsmaßstab der Selbstverwaltung.

Der Arzt kuriert, die Natur heilt! Die Einsicht, dass eine Gesundheits-/Krankheitskontinuum der Regelzustand ist, weist dem Patienten eine wichtige Rolle zu. Verständnis, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit im Umgang mit dem Leben, das Gesundheit und Krankheit in wechselnder Abfolge für uns Menschen bereithält, schafft Resilienz und Selbstwirksamkeit. Der duldende Patient wird zum Agenten, zum tätigen Gestalter. Diese neue Haltung führt zum Ausgang aus der teils selbstverschuldeten Unmündigkeit der Patienten und zum Umdenken, um eine bessere Versorgung im Gesundheitssystem einzufordern.

Selbstwirksamkeit: empathisch-professionelle Hilfe und Solidarität als Zielbild

Was erwarten Patienten von einer guten Gesundheitsversorgung? Auf dem BILD-Herzgipfel am 18. April 2024, der Auftaktveranstaltung einer breiten Allianz, die die Senkung der Krankheitslast von Herz- und Kreislauferkrankungen zum Ziel hat, saß ich am Mittagstisch mit Vertretern des HOCM Deutschland e.V. zusammen und stellte eine meiner Lieblingsfragen: Was erwarten Sie als Patienten von einer guten Gesundheitsversorgung? Drei Anliegen kristallisierten sich heraus:

1. eine zeitnahe Diagnosestellung und Therapieeinleitung „State of the Art”

2. ein „Google Maps‘ für die Navigation im Gesundheitswesen

3. eine ganzheitliche Betreuung als Mensch in dieser besonderen Situation.

Wohnortnähe, Versorgung aus einer Hand und Beibehaltung der bewährten Strukturen waren kein Anliegen. Mich hat beeindruckt, wie stark der Verein Betroffene, die an dieser genetischen Erkrankung des Herzens, die mit einer Verdickung der Herzwände und der Gefahr des plötzlichen Herztods verbunden ist, in die Lage versetzt, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer das Nachempfinden will, den lade ich herzlich ein, in den Podcast ,herzlichter‘ hineinzuhören: Ein ganz wunderbares Beispiel für Herz und Verstand.

Ahnen Sie, worauf ich hinaus will? Selbstwirksamkeit ist eine Grundhaltung, die belastbare Informationen zum Verstehen benötigt. Und spätestens nach dem iPhone Moment 2007 sollte uns allen bewusst sein, dass das Internet eine ähnliche, nur radikal schnellere Veränderung der Informationsbeschaffung ausgelöst hat als der Buchdruck des Johannes Gutenberg vor einem halben Jahrtausend. Ich sehe zunehmend Akteure im Gesundheitssystem, die die Digitalisierung entlang ihres Herzstücks, der Patient-Arzt-Beziehung, weiterentwickeln wollen. Es braucht patientenzentrierte Lösungen, die in die Dekade der Digitalen Transformation im Gesundheitswesen einfließen. Die verfasste Ärzteschaft täte gut daran, den unumkehrbaren gesellschaftlichen Trend der Patientenmitsprache zu gestalten und eine kluge, digitale Lösung des Matchmakings zwischen deren Bedarf und ihrem Angebot zu befördern. Damit käme es für die Versicherten zu einem gesunden Wettbewerb um eine zeitgemäße und bestmögliche Versorgung. Modernisierung ist möglich. Solidarität kann erhalten bleiben.

Ins Tun kommen

Es braucht eine bunte Palette passgenauer Informationsangebote zu digitaler Gesundheitskompetenz und ein generelles Verständnis der Zusammenhänge des Gesundheits-/ Krankheitskontinuums bei den Bürgern. Ein Mehr an Patientenautonomie und informationeller Selbstbestimmung bedeutet gleichzeitig ein Mehr an Patienteneinbindung. Ärzte und weitere Heilberufe sind sich dieser Verantwortung im Sinne ihrer Patienten bewusst. Gesundheitskompetenz des Patienten und eine Demokratisierung von Kenntnissen rund um die Gesundheit werden im digitalen Zeitalter die Arzt-Patienten-Beziehung formen. Das soll das Band des Vertrauens stärken, das ein wirkmächtiger Hebel der Digitalisierung im Gesundheitswesen sein wird, und Behandlungsergebnisse absichern. Der Patient wird digital-kompetente Ärzte und Begleiter brauchen.

Eine Reihe von Versorgungsmöglichkeiten können Patienten, Versicherte und Medien als Gradmesser nehmen, wie es um den digitalen Wandel und der Beteiligung der Versichertengemeinschaft bestellt ist. Dies sind die DiGAs, die ihren Mehrwert aus der Hilfe zur Selbsthilfe ziehen und die deswegen einen gemeinsamen Auswahlprozess für geeignete DiGA-/Patientenkonstellationen benötigen. Gleiches gilt digitale Disease Management Programme. Diese müssen mehr als die Überführung eines analogen Prozesses in einen digitalen Prozess bieten. Es ist die Nagelprobe für den Gemeinsamen Bundesausschuss, weitere Türen in der Versorgung aufzustoßen, um digitale Möglichkeiten zu nutzen. Die Versichertengemeinschaft, insbesondere die jungen Typ-I-Diabetiker, und deren Patientenvertretungen werden diesen Prozess sehr genau beobachten, um ihre Erwartungen einzufordern. Dennoch kann oder will nicht jeder Versicherte sich mit seiner Erkrankung auseinandersetzen. Wer es tut, sollte belohnt werden. Der Versorgende, der sich die Zeit nimmt, zu erklären und die beste Passung zwischen digitalem Angebot und Persönlichkeit des Versicherten zu finden, sollte ebenfalls davon profitieren.

Wenn sich ein solidarisches Fortschrittsdreieck aus aufbruchbereiten Bürgern und Bürgerinnen, Leistungserbringern des Gesundheitssystems und sich zur sozialen Digitalwirtschaft bekennenden Wirtschaftsunternehmen zusammenfindet, kann das Digitalerlebnis Gesundheit Sogwirkung entfalten. Es sollte seine Wirtschaftlichkeit unter Beweis stellen, um nachhaltig zu werden. Das ist der Kern, den die Gesetzgebung gebahnt hat, und auf dessen Umsetzung sie auf Dritte angewiesen ist. Es kann zu einem Deutschen Frühling im Gesundheitswesen kommen, der das Angebot mit dem Bedarf im Gesundheitswesen digital vernetzt. Für Bürger, Patienten und deren Sachwalter heißt es nun: Bringt Euch ein!

 

Dr. Markus Mundhenke ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und hat zahlreiche wissenschaftliche Publikation während seiner Ausbildung an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und danach verfasst. Seit 2003 arbeitete er in verschiedenen Positionen in der Pharmazeutischen Industrie, aktuell als Director Health Policy Scientific Affairs bei der Bayer Vital GmbH mit den Schwerpunkten neue Therapien und Digitale Transformation. Letztere ist ihm seit einem Besuch der Nordischen Botschaften in Berlin 2014 zum Thema ,Big Data – Big Drugs‘ eine Herzensangelegenheit. Aufgrund seiner mannigfaltigen Erfahrungen in Versorgung, Forschung, Wirtschaft und gesundheitspolitischer Interessenvertretung bezeichnet er sich gerne als #zusammenDenker, der in dieser Kolumne seine persönlichen Ansichten zur Digitalisierung im Gesundheitswesen einbringt.

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