Forschungspipeline für neue Antibiotika ist leer

von | Okt. 17, 2024

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Forscher, Kliniker und Vertreter der Pharmaindustrie appellieren auf der 29. Jahrestagung der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, die Bedingungen für die Entwicklung neuer, resistenzbrechender Antibiotika zu verbessern.

 

Bei der Paul-Ehrlich-Gesellschaft sorgt man sich, auf eine Zeit vor der Entdeckung von Penicillin zurückzufallen. Das sagte der Präsident Prof. Dr. Mathias Pletz heute auf der 29. Jahrestagung der Gesellschaft: „Infektionen sind die dritthäufigste Todesursache, und die Zahl der Patientinnen und Patienten, die für Infektionen anfällig sind, nimmt aufgrund der Alterung der Gesellschaft aber auch aufgrund der Fortschritte in der Krebs- und Rheumatherapie sowie der Implantatchirurgie kontinuierlich zu. Der gesicherte Zugriff auf wirksame Antibiotika ist daher eine Notwendigkeit für die moderne Medizin und die alternde Gesellschaft.“

Allerdings gehören antimikrobielle Resistenzen (AMR) laut WHO mittlerweile zu den zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit. Allein innerhalb der EU sterben jährlich etwa 35.000 Menschen an antibiotikaresistenten Infektionen. Die WHO schätzt, dass im Jahr 2019 weltweit 1,27 Millionen Todesfälle direkt auf arzneimittelresistente Infektionen zurückzuführen sind.

Deshalb betont Pletz: „Wir müssen verstehen, dass Antibiotikaresistenzentwicklung ein natürlicher Prozess der Evolution ist, der nicht aufgehalten, sondern durch den klugen und zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika nur verlangsamt werden kann. Wir brauchen daher fortlaufend neue, resistenzbrechende Antibiotika.“

Appell an die Bundesregierung

Die Botschaft der Forscher, Kliniker und Pharmavertreter auf der Jahrestagung geht an die Bundesregierung. Es müssten wirtschaftliche Regularien entwickelt werden, um die Entwicklung und Vermarktung von neuen Antibiotika dauerhaft zu ermöglichen.

„Die Forschungspipeline für neue Antibiotika ist so gut wie leer. Seit 2017 wurden nur zwölf neue Antibiotika zugelassen, von denen zehn zu schon bestehenden Klassen gehören, gegen die sich bereits antimikrobielle Resistenzmechanismen herausgebildet haben“, erklärt Prof. Dr. Mark Brönstrup, Arbeitsgruppenleiter im Forschungsbereich Neue Antibiotika des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF). Der Grund: Die Pharma-Unternehmen geben mehr und mehr die Antibiotikaentwicklung und -produktion auf. Die üblichen Marktmechanismen funktionieren bei Antibiotika nicht, da diese nur sehr restriktiv eingesetzt werden dürfen, um die Entstehung neuer Resistenzen hinauszuzögern. Somit können nur sehr kleine Mengen verkauft werden – der erzielbare Umsatz deckt bei weitem nicht die Kosten der Entwicklung und Vermarktung der Antibiotika.

Deshalb müsse man andere Mechanismen finden, um die Entwicklung neuer, resistenzbrechender Antibiotika anzuregen und finanzierbar zu machen, ist Harald Zimmer, Sprecher des Deutschen Netzwerks gegen Antimikrobielle Resistenzen (DNAMR) und Senior Referent des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) überzeugt: „Notwendig sind dafür neue Vergütungsmodelle, die vom Antibiotika-Verkauf entkoppelt sein müssen.“ So gibt es beispielsweise Diskussionen zusätzlicher Einnahmen durch die Verlängerung des Exklusivverkaufs eines anderen Medikaments zu erzielen, was dem Unternehmen, das ein neues Antibiotikum entwickelt hat, zugutekämen.

Auf der PEG-Tagung werden auch Therapien mit Bakteriophagen und der Einsatz von Wirkstoffen, die Bakterien schwächen und damit ihre krankmachende Wirkung verhindern (Pathoblocker), als mögliche künftige Alternativen zu Antibiotika vorgestellt. Neue Marktmechanismen bei Antibiotika und die Erforschung von alternativen Antiinfektiva zu etablieren, seien angesichts der zunehmenden Resistenzen allerdings unerlässlich.

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