Epic oder einfach nur lucky?

by | Oct 27, 2023

Anhoren

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Elektronische Patientenakten sind in den USA seit Jahren Standard. Dort verbessern sie die Behandlungsqualität allerdings nicht. Was Deutschland gerade auch von Negativbeispielen lernen kann.  

Wenn es um die Digitalisierung des Gesundheitswesens geht, wird gerne auf den berühmten Tellerrand verwiesen, über den die Akteure in Deutschland und Europa schauen sollten. Denn dort gäbe es sie, die zahlreichen Erfolgsgeschichten aus aller Welt, schließlich müsse man das Rad nicht an allen Stellen neu erfinden. Und solche Aussagen sind absolut richtig und wichtig. Allerdings lohnt es sich manchmal eben auch, bei den Exkursen in Richtung Tellerrand einen erfahrenen Guide zur Seite zu haben, der die jeweiligen Marktspezifika kennt und gegebenenfalls übersetzen kann. Denn sonst drohen voreilige Schlüsse oder gar Fehleinschätzungen. Ein Beispiel ist Epic, einer der ersten Anbieter von Electronic Medical Records, EMR, in den USA.  

Ein Google-Moment für Epic? 

Auf den ersten Blick liest sich es sich wie eine Erfolgsgeschichte: Zahlen des auf Healthcare spezialisierten Marktforschers KLAS Research zeigen, dass Epic mittlerweile mit 231 Lehrkrankenhäusern knapp 60 Prozent des Marktes für akademische medizinische Zentren kontrolliert. Vier akademischen Krankenhäuser konnte der Anbieter allein im letzten Jahr dazugewinnen, womit nun mehr als 90 Prozent der Medizinstudenten und Assistenzärzte mit Epic ausgebildet würden.  

Diese absolute Dominanz im Ausbildungssegment klingt ein wenig nach einem „Google-Moment“. Die überwältigende Mehrheit des medizinischen Nachwuchses in den USA wird mit den elektronischen Patientenakten von Epic groß. Aber es gibt auch ganz andere Schlagzeilen. 2019 titelte das US-Magazin KFF Health News beispielsweise „Death By 1.000 Clicks: Where Electronic Health Records went wrong”. Der Artikel arbeitet diverse Fälle in den USA auf, wo Patienten nach Fehlern im Zusammenhang mit ihren EMR entweder mit gravierenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten oder sogar mit den Leben bezahlen mussten. Die meisten dieser Fälle landeten – typisch USA – vor Gericht und sind daher öffentlich. Auch Software-Anbieter Epic ist unter den genannten Fällen. Ein junger Anwalt wird mit Verdacht auf Meningitis in ein Krankenhaus eingeliefert, wo eine Lumbalpunktion durchgeführt wird. Am Folgetag ordert ein Spezialist für Infektionskrankheiten einen kritischen Labortest über den EHR der Klinik an, um die Rückenmarkflüssigkeit auf Viren wie Herpes Simplex testen zu lassen. Und obwohl die Bestellung auf dem Bildschirm von Epic erscheint, wird sie nicht an das Labor weitergeleitet. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Software von Epic nicht vollständig mit der Software des Labors verbunden war. Dadurch verzögerten sich Ergebnisse und Diagnose, was zu irreversiblen Hirnschäden durch eine Herpesenzephalitis führte.  

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort 

Richard Davies deBronkart, in den USA auch bekannt als e-Patient Dave, hat eine einfache Erklärung für diese zwei Seiten der Epic-Software. Der Krebspatient und Blogger, der sich seit 2009 für die Umgestaltung des Gesundheitswesens durch partizipative Medizin und das Recht auf persönliche Gesundheitsdaten einsetzt, weiß, dass Epic einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – oder wie er sagt: „Epic war bereits auf halben Weg zur Ziellinie, als das Rennen begonnen hat.“ Worauf der Experte anspielt: Ursprünglich war Epic ein Abrechnungssystem und als solches bereits in vielen US-Krankenhäusern installiert. Als die elektronische Patientenakte von den US-Behörden vorgeschrieben wurde, hat Epic sein Abrechnungssystem einfach um die benötigten klinischen Funktionen für die EMR erweitert, womit es ein leichtes war, an eine große Anzahl an Aufträgen zu kommen. Das erklärt den hohen Marktanteil der Lösung. Gleichzeitig steht es um die Benutzerfreundlichkeit schlecht, weiß deBronkart ebenfalls zu berichten: „Ärzte in den USA hassen EMRs regelrecht, weil die Benutzerfreundlichkeit dermaßen zu wünschen übriglässt. Es sind Fälle dokumentiert, die für eine einfache Verschreibungsaufgabe 50 und mehr Clicks im System vom medizinischen Personal verlangen.“ Das Schlimme sei allerdings, betont deBronkart, dass Epic sich der Probleme durchaus bewusst sei, es in zehn Jahren jedoch nicht geschafft habe, die Fehler zu beheben: „Epic kümmert es nicht, weil sie dennoch die ganzen Häuser für sich gewinnen.“  

Und die USA sind nicht das einzige Land mit Qualitätsprobleme bei ihren EMR. Auch in Großbritannien wurde 2015 ein Rückgang der Versorgungsqualität dokumentiert, der auf die Einführung der elektronischen Patientenakte von Epic zurückzuführen war.  

Schlechte Software kostet Nerven 

In den USA sind die Folgen der mangelnden Nutzerfreundlichkeit und Qualität bei den elektronischen Patientenakten gravierend. So berichtete das Fachmagazin EHR Intelligence bereits 2020 von einem Zusammenhang zwischen der wachsenden Anzahl an Burnout-Fällen bei Klinikmitarbeitern und EMRs: „Eine schlechte Benutzerfreundlichkeit des EMR führt zu Burnout bei Klinikern, einer Zunahme klinischer Fehler, einem Rückgang der finanziellen Mittel und Problemen bei der Patientensicherheit.“ 

Und das alles, weil aus einem Abrechnungssystem mit ein paar zusätzlichen Features eine elektronische Patientenakte wurde. Das erinnert ein wenig an Provisorien in den eigenen vier Wänden und die Handwerkerweisheit, dass nichts so lange hält, wie eben diese. Mit Blick auf die Gesundheitsversorgung ist aber genau das wortwörtlich Lebensgefährlich. Auch deshalb gilt es, unbedingt über den Tellerrand zu schauen, um zu eruieren, wo wir von anderen Nationen lernen können – im positiven wie im negativen Sinn. Denn gerade mit den vielen Patientenportalen, die zeitgleich mit den Fördermilliarden des KHZG plötzlich wie Pilze aus dem Boden schossen, könnten wir auch in Deutschland Gefahr laufen, einen ähnlich „epischen“ Fall darunter zu haben.

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