Mit verpflichtender Nutzung für Leistungserbringer und automatischer Anlage für Versicherte ist die ePA strukturell im System angekommen. Doch zwischen gesetzlichem Rahmen und tatsächlicher Nutzung klafft eine Lücke. Warum bleibt die ePA hinter ihren Erwartungen zurück – und wie kann sie ihr Potenzial entfalten?
Die ePA ist gesetzlich verankert und strukturell überall verfügbar – in der Praxis bleibt ihr Mehrwert jedoch weitgehend ungenutzt. Eine Befragung zeigt, dass etwa 94 Prozent der gesetzlich Versicherten die ePA kennen, aber 71 Prozent von ihnen ihre Akte nicht aktiv verwalten. Zwar wurden im Opt-out-Verfahren rund 70 Millionen ePA-Konten eingerichtet, doch aktiv nutzen nur wenige Versicherte ihre Akte: Lediglich 3,6 Prozent der angelegten ePAs werden auch tatsächlich verwendet.
Diese Nutzungslücke lässt sich eher durch eine geringe praktische Relevanz im Alltag als durch grundsätzliche Ablehnung erklären: Drei Viertel der Nicht-Nutzer geben an, sich noch gar nicht mit der ePA beschäftigt zu haben, und etwa ein Drittel sieht derzeit keinen persönlichen Vorteil in der Akte. Praktische Hemmnisse verschärfen das Problem. Viele Patienten beklagen komplizierte Freischalt- und Aktivierungsprozesse sowie unklare Informationen von Krankenkassen und Ärzten. Datenschutzbedenken spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl empfinden viele Versichertengruppen die ePA prinzipiell als sinnvolle Idee.
Kein Akzeptanz-, sondern ein Umsetzungsproblem
Dies unterstreicht das Zwischenergebnis: Die ePA leidet unter Umsetzungsdefiziten. Sie liegt bereit, wird aber von der Mehrheit nicht als nützliches Instrument wahrgenommen. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, die Akte vom reinen Datenspeicher zu einem aktiven Versorgungs-Werkzeug zu entwickeln.
Angesichts dieser Situation liegt der Schlüssel im gemeinsamen Nachsteuern aller Akteure:
- Politik
Die Weiterentwicklung der ePA sollte stärker auf konkrete, für Versicherte unmittelbar erfahrbare Funktionen ausgerichtet werden – etwa Impfnachweise oder unterstützende Hinweise zur Medikation. Ergänzend sind kontinuierliche, zielgruppengerechte Informations- und Aufklärungsmaßnahmen erforderlich, insbesondere zu Nutzungsmöglichkeiten und Datenschutz.
- Krankenkassen
Die ePA sollte nicht nur als Archiv verstanden, sondern aktiv durch zusätzliche, patientenzentrierte Funktionen weiterentwickelt werden. Dazu gehört neben personalisierten Hinweisen – etwa auf Basis von E-Rezept-Daten – auch die Einbindung unterstützender Funktionen. Entsprechend plädieren Kassen wie die TK dafür, gemeinsam mit Leistungserbringern individuelle Funktionen in die ePA zu integrieren, anstatt sich auf einen engen, zentral vorgegebenen Rahmen zu beschränken. Auch Versorgungsprogramme wie DiGAs oder Präventionsangebote können sinnvoll über die ePA gesteuert und kontextbezogen ausgespielt werden. Flankierend sollten Krankenkassen ihre Versicherten aktiv begleiten – durch verständliche Informationen, niedrigschwellige Schulungsangebote und gegebenenfalls persönliche Unterstützungsformate wie ePA-Coaches, wie sie in ersten Pilotprojekten erprobt werden.
- Leistungserbringer
Ärzte und Pfleger brauchen einfach bedienbare Systeme. Eine KBV-Analyse zeigt: Praxen, die mit ihrem ePA-Modul zufrieden sind und es als benutzerfreundlich wahrnehmen, bewerten den Nutzen der Akte deutlich höher. Deshalb sollten Praxissoftware-Hersteller dringend an der Stabilität und Geschwindigkeit arbeiten und den Zugriff auf Patientendaten zuverlässiger machen. Bereits heute kann die ärztliche Dokumentation entlastet werden, indem beispielsweise ePA-Daten automatisch in Arztbriefe übernommen werden.
Zusammenarbeit als Schlüssel zur Wirkung
Alle Akteure müssen enger zusammenarbeiten: Gerade beim Einstieg helfen Partnerschaften zwischen Krankenkassen, Ärztenetzen und IT-Anbietern. Ein Beispiel ist die Einbindung von Apotheken: Schon in Ländern wie Dänemark greifen über 99 Prozent der Apotheken auf die ePA zu. Wenn in Deutschland auch Apotheken künftig systematisch Rezepte elektronisch einspielen und medikamentöse Informationen abgleichen, erhöht das den Alltagsnutzen für Patienten und Behandler.
Nur wenn Politik, Kassen und Leistungserbringer jetzt gemeinsam handeln und Schritt für Schritt die Akzeptanz und Attraktivität der ePA stärken, kann dieses Potenzial entfaltet werden. Die ePA kann dadurch vom starren Datensilo zum täglichen Helfer werden, der die Versorgung effizienter und transparenter macht.
Dr. med. univ. Patrick Heckmann ist Arzt und Mitgründer von befundHilfe.com, einer Plattform zur verständlichen Aufbereitung medizinischer Befunde mithilfe von KI. Er befasst sich mit der Einbindung solcher Erklärangebote in die elektronische Patientenakte (ePA) und den damit verbundenen Fragen der praktischen Umsetzung.



