Einsamkeitstrend setzt sich fort

by | May 31, 2024

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Erhebungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen: Jüngere Menschen unter 30 sind noch häufiger einsamkeitsgefährdet und scheinen sich zu einer neuen Risikogruppe zu entwickeln.

Der anhaltende Einsamkeitstrend ist eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung, attestiert das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIP). In den letzten fünf Jahren habe das Gefühl der Einsamkeit in Deutschland zugenommen. Heute fühle sich jeder Dritte zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam. Die Untersuchung basiert auf Daten der Generations and Gender Study, des familiendemografischen Panel FReDA am BIP sowie des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Während der Anteil der einsamen Menschen im jungen und mittleren Erwachsenenalter (18 bis 53 Jahre) zwischen 2005 und 2017 relativ stabil bei 14 bis 17 Prozent lag, stieg er mit Beginn der Coronapandemie 2020 auf nahezu 41 Prozent an und erreichte 2021 fast 47 Prozent. Aktuelle Zahlen aus dem Winter 2022/2023 zeigen einen Rückgang auf 36 Prozent, was aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Pandemie liegt. „Spätestens seit der Coronapandemie ist offensichtlich geworden, dass auch viele jüngere Menschen unter Einsamkeit leiden, selbst wenn sie nicht allein leben“, erklärt BiB-Wissenschaftlerin Dr. Sabine Diabaté, Mitautorin der Studie. Trotz des Wegfalls der Kontaktbeschränkungen sei bis Anfang 2023 kaum eine soziale Erholung zu verzeichnen: „In der postpandemischen Phase bleibt die Einsamkeit auf hohem Niveau bestehen, es zeichnet sich eine Tendenz zur Chronifizierung ab.“

Neue Risikogruppe

Die Studie macht außerdem deutlich, dass sich seit der Pandemie junge Menschen unter 30 Jahren immer öfter einsam fühlen, das gaben 44 Prozent an. Bei den über 30-jährigen sind es im Vergleich nur etwa 33 Prozent. Noch häufiger als jungen Menschen sind nur Alleinlebende und Allein-, respektive Getrennterziehende von Einsamkeit betroffen. Hier verspüren 50 Prozent ein Gefühl von Einsamkeit. Gerade Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status fühlen sich häufiger allein – genau wie Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Auch Erwerbslosigkeit sei ein Risikofaktor. Kommen davon mehrere zusammen, steige die Wahrscheinlichkeit für Einsamkeit signifikant, unterstreichen die Studienmacher.

Die Folgen gerade für das Gesundheitswesen sind erheblich: Einsamkeit führt zu Schlafproblemen, einem höheren Risiko für koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle sowie einer geschwächten Immunabwehr. Einsame Menschen sind anfälliger für Sucht und zeigen vorzeitige physiologische Alterungsprozesse. Darüber hinaus besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich Einsame sozial isolieren und sich möglicherweise politisch oder religiös radikalisieren, schlussfolgern die Autoren.

Mittel gegen Einsamkeit

Was es braucht, um dem Einsamkeitstrend entgegenzuwirken, sei gesellschaftliche Teilhabe, betont FReDA-Studienleiter und Mitautor Prof. Dr. Martin Bujard: „Es bedarf eines größeren Bewusstseins für die Verbreitung und den Leidensdruck der Einsamkeit sowie einer gesteigerten Achtsamkeit im Alltag.” Niedrigschwellige Hilfsangebote in Ausbildungsstätten, Vereinen, durch Ärzte oder Behörden können laut der BiB-Studie ebenfalls helfen. Ein Beispiel: Hausarztpraxen könnten Besuchsdienste oder Nachbarschaftsprojekte vermitteln, um chronisch Kranke besser sozial einzubinden. Freizeitangebote sind für direkte soziale Begegnungen ebenfalls wichtig. Auch ein kontinuierliches Monitoring der Einsamkeit in allen Gesellschafts- und Altersgruppen sei aus wissenschaftlicher Sicht notwendig, um politische Maßnahmen auf einer soliden, evidenzbasierten Grundlage zu entwickeln.

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