Eine Frage der Finanzierung

by | Oct 21, 2023

Anhoren

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Digitalisierung ja, aber nur bei entsprechender Vergütung lautet die Forderung von Ärzten und Apotheker. Die Verbände fordern sogar ein Machtwort von Kanzler Scholz.  

Ärzte und Apotheker dieses Landes vereinigt euch. Ein wenig erinnert der Notruf der freien Heilberufe an das Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Gemeinsam haben die kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) am 19. Oktober zu einer Pressekonferenz in Berlin geladen. Die Berufsgruppen sind frustriert, von der Gesundheitspolitik, den Reformplänen des Bundesgesundheitsministers und sie fühlen sich übersehen. „Wir erleben derzeit ein Ausmaß an Frust und Wut in den ärztlichen und psychotherapeutischen Praxen wie seit Jahrzehnten nicht. Selbst während der Corona-Pandemie, die ein besonderer Stresstest war, war die Stimmung nicht so angespannt wie heute“, eröffnet KBV-Chef Andreas Gassen sein Statement.  

Zuspruch bekommt er von ABDA-Präsidentin Gabriela Regina Overwiening, die die Bedeutung der Apotheken für die Daseinsvorsorge und gleichzeitig die nicht mehr angemessene Vergütung betont: „Trotz steigender Kosten wurde unsere Vergütung seit elf Jahren nicht angepasst. Infolgedessen befindet sich die Apothekenzahl im Sinkflug. Die Bundesregierung muss das flächendeckende Apothekennetz schnellstmöglich stabilisieren!“ Amtskollege Martin Hendges, Vorstandsvorsitzender der KZBV, bläst ins selbe Horn: „Die Kostendämpfungspolitik der Bundesregierung und insbesondere die im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz verankerte strikte Budgetierung haben schon jetzt verheerende Folgen für die zahnärztliche Patientenversorgung – insbesondere für die neue, präventionsorientierte Parodontitistherapie.“ 

Es geht ums Geld  

Zusammenfassend dreht sich der Unmut der drei Verbände also ausschließlich ums Budget. Schließlich seien die Krankenhäuser und deren Existenzsicherung in aller Munde. Übersehen werde dabei die Rolle, die die Praxen in der Versorgung spielen und wie desolat die Situation da sei. Zahlen werden ebenfalls als Beleg angeführt. Praxen würden 578 Millionen Fälle pro Jahr versorgen, die Krankenhäuser nur 16,8 Millionen Fälle. Und während in den letzten fünf Jahren die Preise für Krankenhausleistungen um 13,5 Prozent gestiegen seien – wohlgemerkt ohne die Fördermilliarden des KHZG – hätte es bei den niedergelassenen Ärzten lediglich ein Plus von sechs Prozent gegeben, was nicht mal ein Inflationsausgleich sei.  

Und tatsächlich fokussiert sich das Bundesgesundheitsministerium derzeit verstärkt auf den stationären Sektor: Erst das große Konjunkturprogramm mit Namen KHZG, das vor allem die Digitalisierung des Sektors ankurbeln soll, nun die Klinikreform, die noch einmal vieles innerhalb der deutschen Krankenhauslandschaft verändern wird – auch wenn noch nicht alle Details ausgereift sind. Wie also passen Ärzte und Apotheker in das Gesamtbild des Bundesgesundheitsministers? Es scheint, als wolle man hier lieber frühzeitig Lobbyarbeit leisten. Denn gemeinsam fordern die Vertreter der drei Berufsgruppe in ihrer Stellungnahme sogar ein Machtwort von Bundeskanzler Scholz. Er solle die destruktive Gesundheitspolitik beenden. 

Wie viel Verantwortung trägt jeder einzelne für die Zukunft? 

Was Gassen in seiner Rede außerdem moniert, ist zum einen die überbordende Bürokratie, die mittlerweile im Schnitt 61 Arbeitstage im Jahr pro Praxis koste, und zum anderen die Digitalisierung. „Eine Digitialisierung, die die Praxen mehr Geld kostet, als sie erstattet bekommen, die nach wie vor mehr Arbeit macht, als das sie entlastet und die die Abläufe in der Patientenversorgung oft hemmt oder sogar zum Erliegen bringt“, schmipft Gassen in seiner Rede.  

Auf Nachfrage von hct wollte man bei der KBV diese Kritik an der Digitalisierung nicht weiter vertiefen. Die Presseabteilung hatte zwar zunächst Zugesagte Ausführungen mit der Begründung das Anfrageaufkommen sei derzeit sehr hoch wieder abgesagt. Denn anders als im Kliniksektor sind niedergelassene Ärzte selbständige Unternehmer, was die Frage aufwirft, inwiefern sie Zukunftsinvestitionen wie beispielsweise Digitalprojekte eben auch selbst tragen müssen – wie zahlreiche anderen Branchen in Deutschland auch.   

Eine Einschätzung dazu kommt von Prof. Dr. Dirk Stein vom Institute for Strategic Finance der FOM Hochschule. Der Co-Autor des Buchs „Finanzierung der Digitalen Transformation“ kann die Argumentation des KBV-Chefs in Teilen nachvollziehen: „Niedergelassene Ärzte agieren in einem regulierten Markt, ihr Umsatz ist durch die Vergütung der Kassen geregelt und gedeckelt. Gleichzeitig bekommen sie mit den Vorgaben der Gematik Digitalisierungslösungen zu einem bestimmten Preis aufoktroyiert – viele davon im Übrigen viel zu teuer. Damit stehen die Kosten der Digitalisierung tatsächlich oftmals nicht im Verhältnis zur Vergütung.”  

Ganz freisprechen von der unternehmerischen Pflicht will Prof. Stein die Kassenärzte deshalb jedoch auch nicht: „Viele administrative Aufgaben in den Praxen ließen sich durch Digitalisierung und Automatisierung deutlich vereinfachen mit entsprechenden Effizienzgewinnen. Mit innovativen Zusatzleistungen, die über digitale Lösungen angeboten werden, ließe sich zusätzliches Einkommen generieren. Die Verantwortung komplett abzugeben, ist also auch zu kurz gedacht.“ 

Man dürfe nicht vergessen, dass eine gewisse Polemik im Lobbyismus auch dazu gehört, sagt Stein. Einen guten Rat hat er für die Akteure des deutschen Gesundheitswesens dennoch: „Digitalisierung und Zukunftstechnologien müssen zunächst einmal als Chance begriffen werden – für den eigenen Arbeitsalltag, mit Blick auf die ökonomischen Vorteile, vor allem aber für die Patienten. Erst in einem zweiten Schritt sollte man sich mit den Risiken beschäftigen. In Deutschland machen wir es allerdings permanent andersherum, weshalb eine sachliche Diskussion kaum noch möglich ist.“

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