Ein holpriger Start und nach wie vor technische Probleme – dennoch ist das E-Rezept eines der positiven Beispiele für die Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Nicht alles läuft in puncto Digitalisierung des Gesundheitswesens vorbildlich. Das E-Rezept hat sich seit der verpflichtenden Einführung im Januar 2024 jedoch zu einer echte Erfolgsgeschichte entwickelt. Zahlen der Gematik zeigen, dass mittlerweile 550 Millionen E-Rezepte in Deutschland eingelöst wurden, davon 522 Millionen im vergangenen Jahr. „Das E-Rezept hat im Laufe des Jahres 2024 deutlich an Fahrt aufgenommen. Das können wir als Deutschlands führendes Abrechnungsunternehmen für Apotheken mit konkreten Zahlen untermauern“, sagt Mark Böhm, Vorstandsvorsitzender Noventi Health SE.
Im Dezember 2023, also noch vor der verpflichtenden Einführung, reichten Vor-Ort-Apotheken bereits über 2,9 Millionen E-Rezepte ein. Im Januar 2024 rechnete Noventi insgesamt mehr als 19 Millionen Rezepte ab, davon waren knapp 62 Prozent E-Rezepte – also über 4-mal so viele E-Rezepte wie im Monat zuvor. Diese Entwicklung hat sich über das Jahr 2024 hinweg verstetigt. Durchschnittlich hat der Dienstleister 13,1 Millionen E-Rezepte monatlich abgerechnet, was nach eigenen Angaben etwa rund einem Drittel aller E-Rezepte in Deutschland entspricht.
Erleichterung im Alltag
„Die E-Rezept-Quote erreichte bei Noventi im November 2024 rund 78 Prozent, dem gegenüber stehen 22 Prozent Papierrezepte“, rechnet Böhm weiter vor. Das E-Rezept ist vor allem auch deshalb ein Erfolg, weil es für Patienten denkbar einfach ist und in den Apotheken für Arbeitserleichterung sorgt, wie Dr. Björn Schittenhelm, Inhaber der Alamannen-Apotheke im bade-württembergischen Holzgerlingen, berichtet: „Ein Jahr E-Rezept zeigt deutlich, wie die Digitalisierung den Alltag von uns Apothekerinnen und Apothekern erleichtern kann: Die digitale Übermittlung verhindert Übertragungsfehler und dadurch Fehlmedikation. Davon profitieren auch die Patientinnen und Patienten.“
Dass Schittenhelm mit dieser Einschätzung nicht alleine ist, zeigt eine aktuelle Umfrage von Aposcope unter Apothekenteams. Im Vergleich zum Papierrezept sei der Zeitaufwand bei der Bearbeitung niedriger, bestätigen 29 Prozent der Befragten. Allerdings empfinden ihn auch 31 Prozent als gleich hoch, 38 Prozent sagen, er sei größer. Einigkeit sieht anders aus. Wobei 39 Prozent den Umgang mit dem E-Rezept als sehr gut oder gut einschätzen. 54 Prozent sagen, dass es mal besser und mal schlechter läuft und nur sieben Prozent sagen, es läuft schlecht oder sehr schlecht.
Verpflichtung brachte den Durchbruch
Interessant ist allerdings, dass Apotheken seit September 2022 grundsätzlich in der Lage waren, E-Rezepte einzulösen. Allerdings fehlte es an öffentlicher Aufklärung und praktikablen Einlösewegen. Bei Noventi rechnet man vor, dass erst mit dem Einlöseweg über die elektronische Gesundheitskarte eine gewisse Dynamik rund um das E-Rezept entstand. Den wirklichen Durchbruch brachte allerdings erst die verpflichtende Einführung 2024. „Der stete Anstieg der eingelösten E-Rezepte über das Jahr zeigt deutlich, dass die Patientinnen und Patienten ebenfalls überzeugt sind: Besonders die einfachen Einlösewege bewirken, dass die Menschen gewillt sind, diese auch tatsächlich zu nutzen“, betont auch Böhm.
Was außerdem auffällt: Der durchschnittliche Bruttorezeptwert eines Papierrezepts betrug im Jahr 2024 190,36 Euro, für ein E-Rezept lag dieser bei 65,60 Euro. Die Gründe sind allerdings einfach zu erklären. Zum einen dürfen bestimmte Medikamente wie Betäubungsmittel oder T-Rezepte nicht als E-Rezept verordnet werden. Und E-Rezepte dürfen im Gegensatz zu Papierrezepten nur eine einzelne Verordnung enthalten.
Nicht immer störungsfrei
Dass es allerdings auch beim E-Rezept noch Luft nach oben gibt, zeigen die Störungsmeldungen der Gematik. Erst gestern gab es etwa eine Stunde lang Einschränkungen beim Einlöseweg über die elektronische Gesundheitskarte. Mitte Dezember hatte eine Störung im Versichertenstammdatenmanagement des Betreibers CompuGroup Medical für Probleme beim E-Rezept gesorgt.
Bedenkt man allerdings, dass noch im März 2024 Ausfälle bei der Telematikinfrastruktur eher die Regel als die Ausnahme waren und ein Aktionsbündnis von Heilberuflern deshalb sogar einen E-Rezept-Streik inklusive Appell an Bundeskanzler Scholz ausgerufen hat, kann sich die Jahresbilanz des E-Rezepts auch mit Blick auf die technologische Basis durchaus sehen lassen.
Ausruhen darf man sich auf der insgesamt positiven Bilanz jedoch nicht. Vor allem die fehlende Signatur des E-Rezepts durch die Praxis ist laut Aposcope-Befragung noch immer die größte Herausforderung für die Apotheken (56 Prozent).



