DMEA – Masse mal Geschwindigkeit

by | May 14, 2024

Dr. Pascal Grüttner berichtet in der Retrospektive von der diesjährigen DMEA – Quelle: Maigut Fotografie, Köln

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In diesem Jahr hatte die DMEA einiges zu bieten, was das Techniker-Herz” höher schlagen ließ, berichtet unser Gastautor Dr. Pascal Grüttner in seinem Beitrag – aber auch darüber, was er von der Gleichung Masse x Geschwindigkeit” für Impulse erwartet, wieso auch Klassentreffen immer etwas für sich haben und warum nach der DMEA vor der DMEA ist. 

 

Physik war nie mein Lieblingsfach in der Schule. Inhaltlich grundsätzlich spannend wurde mir die Freude daran jedoch von den damaligen Lehrern nicht nachhaltig vermittelt. Insofern hätte ich das Wort „Impuls“ nie als physikalische Größe verstanden – eine von zahlreichen Bedeutungen, die der Duden nennt. Neben dem Anstoß, der auch in der Elektrotechnik (Spannungsstoß) oder der Medizin (Nervenimpuls) vorkommen kann. Der in der Physik beschriebene Impuls ist nach Wikipedia „das Produkt aus der Masse des Körpers und der Geschwindigkeit seines Massenmittelpunkts“ sowie eine gerichtete Größe.

Wenn ich also heute etwas zu den Impulsen schreibe, die von der DMEA 2024 ausgegangen sind, dann frage ich mich im Folgenden, was denn die Masse dieser Messe war und mit welcher Geschwindigkeit diese unterwegs gewesen ist.

Zuvor müssen aber ein paar Buzzwords abgeklopft werden, ohne die die Beschreibung der DMEA, das Klassentreffen der Branche, unvollständig wäre. Die Messe, bei der Komparative wie schneller, höher, weiter regelmäßig zu hören sind und von der es heißt, dass nach der DMEA vor der DMEA ist.

Impulse und allerlei Geschwindigkeiten

Bei solch hoch gelegten Messlatten ist es fast beruhigend, dass die Deutsche Bahn die Besucher der DMEA weiterhin mit der mittlerweile zuverlässigen Unzuverlässigkeit ans Ziel nach Berlin bringt. Ich habe in den sozialen Medien während der Hinfahrt auf diese Weise meist sehr humorvoll erfahren, wer sich ebenfalls auf dem Weg zum Klassentreffen befindet.

18 Themen standen für die Kongresse im Fokus. Da ging es um Gesundheitsdatennutzung, Telemedizin, Telematikinfrastruktur (2.0), Interoperabilität, Informationssicherheit, künstliche Intelligenz (KI), Krankenhausreform, Change-Management, elektronische Patientenakte, Cloud, Digitalisierung in der Pflege, Digitale Gesundheits- und Pflegeanwendungen (DiGA, DiPA), Digitalstrategie im Krankenhaus (nach dem KHZG), Medical Device Regulation (MDR), vernetzte Medizintechnik, IT-Betriebskosten (nach dem KHZG), Nachhaltigkeit (Green Health) und die Digitalisierung in Praxis sowie in medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

Die Breite – oder sollte ich in Anlehnung an die Physik besser „Masse“ sagen – der Themen zeigt, dass die Basis für zahlreiche Impulse in unterschiedlichste Richtungen gegeben war – mit allerlei Geschwindigkeiten. Denn manche Themen sind nicht neu. Die Branche unterhält sich bereits so lange über Interoperabilität, dass der Begriff bisweilen Gefahr läuft, zu verblassen, obwohl er nichts an Bedeutung eingebüßt hat. Hier sind Politik und Hersteller kritisch zu fragen, warum die erforderliche Geschwindigkeit immer noch nicht erreicht ist. Andere Dauerbrenner wie die Informationssicherheit können nicht oft genug ins Bewusstsein gehoben werden. Ich erhoffe mir insofern gerade von diesem Thema einen Impuls, der eine klare Richtung anzeigt: vorwärts.

Manche Themen werden unterschätzt

Die Gesundheitsdatennutzung ist ein unterschätztes Thema, das wurde deutlich. Hier gibt es bisher über die Forschung hinaus kaum Eingang in die Praxis. Die zunehmende Datenflut ist meines Erachtens dabei bisher für die Praktiker weder technisch noch rechtlich gebändigt oder kanalisiert. Auf das Bild des Impulses bezogen erkenne ich mehrere Vektoren, die noch in unterschiedliche Richtungen zeigen.

Telemedizin war ein Bereich, von dem ich mir Impulse gewünscht hatte. Der Anschub durch die Corona-Pandemie hallte in den Vorträgen noch nach. Mir fehlte allerdings der entscheidende Blick darüber hinaus; oder einfach die Geschwindigkeit.

Anders war es bei der TI 2.0. Ohne lange darauf herumreiten zu wollen, dass das Tempo der Umsetzung der ersten Version der Situation aus einer Kindergeschichte gleicht, in der eine Hexe sich so langsam bewegte, dass sie von einer toten Schnecke überholt wurde, musste ich feststellen, dass die Berichte zur TI 2.0 in mir einen unerwarteten Impuls auslösten. In erster Linie gefiel mir der Gedanke, dass die Einführung parallel zur TI 1.0 erfolgen soll. Das ist richtig, denn würden wir bis zur Fertigstellung der ersten Version  warten, wäre wahrscheinlich auch die vorgenannte Hexe mittlerweile am Ziel angekommen.

Auch die Themen, die ich hier nicht detailliert angesprochen habe, waren geeignet, Anstöße zu geben. Besonders massereich – hier insbesondere im Sinne von zahlreich – stellten sich die Produkte und Dienstleistungen dar, die mit dem Label KI versehen waren. Ohne Zweifel gab es zahlreiche Impulse, die zum Teil jedoch lediglich der Hoffnung Vorschub leisteten, dass die Entwicklungen in diesem Bereich noch ausgereifter werden, denn, so meine Erwartung, die KI ist eine Technologie, die gerade den Kolleginnen und Kollegen auf Station künftig echte Mehrwerte bieten kann. Die Vorstellung einer vollständig strukturierten Dokumentation, die sich automatisch aus einem freien Patientengespräch ergibt, rückt in greifbare Nähe. Das erzeugt für die Patienten eine zugewandtere Atmosphäre und erleichtert dem Arzt oder der Pflegkraft die Arbeit. Auch die Entscheidungsunterstützung, die es sogar ins KHZG geschafft hatte, ist nicht zu unterschätzen: Menschen und Maschinen werden auch im Gesundheitswesen mehr und mehr zusammenarbeiten.

Fehlgeleitete politische Impulse 

In dem Zuge sei ein Seitenhieb auf die Politik erlaubt, deren Impulse weiterhin oft stark sind, jedoch, was die notwendige Entbürokratisierung angeht, fast vollständig in die falsche Richtung zeigen. Es ist eine Verschwendung, wenn eHealth-Werkzeuge gebraucht werden, um immer mehr bürokratische Anforderungen zu befriedigen. Der Mensch gehört in den Mittelpunkt – das war auch ein Teil der Debatte, die auf der Messe geführt wurde.

Doch zurück zu dem, was die DMEA (auch) ausmacht und was für viele Menschen, die ich kenne, ein wichtiger Impuls ist. Das neudeutsch „Networking“ genannte Klassentreffen. Es ist immer wieder eine Überraschung, wen man trifft, obwohl man nicht verabredet war. Es ist immer wieder eine Bereicherung, sich über die eigenen Fragen auszutauschen und Kolleginnen und Kollegen Antworten zu geben. Besonders erfrischend können die Anregungen sein, die vom Branchennachwuchs ausgehen. Die Stände der Startups lohnen immer einen Besuch und ich freue mich über den Mut der oft jungen Gründer, auch die alten Hasen frei heraus anzusprechen.

Neuerungen gibt es aber auf der DMEA nicht nur bei den Startups. Innovation und Inspiration sind gleichsam allgegenwärtig. Das ist einer der wichtigsten Gründe für meinen alljährlichen Besuch der DMEA, denn als IT-Leiter im Krankenhaus fordert das Tagesgeschäft seinen Tribut. Der Anschub, der von den vielen innovativen Ideen ausgeht, die auf der DMEA zu finden sind, reicht zumindest bei mir immer lange, um den vorgenannten Widrigkeiten des Tagesgeschäfts trotzen zu können. Auch, wenn die gegenwärtige Zukunft nie exakt die zukünftige Gegenwart sein wird, so motiviert doch der Gedanke, dass in einem Tagesgeschäft der Zukunft auch Themen wie KI eine Rolle spielen werden. Das unterstützte auch Sascha Lobo: „Wir haben die Verpflichtung, diesen Schatz zu heben.“

Techniker-Herzen schlagen höher

Die Masse der DMEA 2024 war groß. Rekorde, was Aussteller- und Besucherzahlen angeht. Aber auch inhaltlich war Vieles substanziell. Neben den allgegenwärtigen KHZG-Themen und einer Menge Software gab es Einiges, was die Techniker-Herzen höherschlagen lassen konnte. Eine Station für Tablets, bei der im Rahmen der Entnahme das richtige Profil aufgespielt wird, sei es für Ärzte, Pflegekräfte oder für Patienten. Oder auch das Thema Low Code, mit dem, eingebettet in ein durchdachtes Produkt, beispielsweise Schnittstellen ohne sonderliche Entwicklungskenntnisse selbst programmiert werden können. Getreu dem Motto: Wenn die Interoperabilität nicht zum Krankenhaus kommt, dann schaffen wir sie eben selbst.

Bleibt die Geschwindigkeit. Auch die war immens. Ein spannendes Event jagte das nächste und – um ehrlich zu sein zu allem Überfluss – hatte die Anzahl der Vorträge auf den Ständen stark zugenommen. Das führte zu einer zusätzlichen Beschallung in einer ohnehin lauten Umgebung, die bei mir eher den Impuls des Weglaufens auslöste. Was nicht immer möglich war, wenn man beispielsweise im Besprechungsraum eines Anbieters saß und sein eigenes Wort kaum verstand, weil keine zehn Meter weiter eine große Lautsprecheranlage aktiv war. Das ist alles Jammern auf hohem Niveau und wird nicht verhindern, dass nach wie vor gilt: nach der DMEA ist …

Zu guter Letzt die Richtung: in Summe zeigt diese nach vorn. Es stimmt nach wie vor, dass Deutschland in Teilen immer noch eine eHealth-Wüste ist. Das wird aber nicht so bleiben, dazu trägt auch die DMEA bei. Insofern bin ich gespannt auf die nächste Messe. Denn dann wird für viele das Jahr der KHZG-Wahrheit gekommen sein. Wie geht es weiter nach dem dreijährigen Förderzeitraum? Eine Frage, die 2025 in der Gegenwart angekommen sein wird. Wie hoffentlich so mancher der hier genannten Impulse.

 

Dr. Pascal Grüttner ist Leiter IT Hospitalvereinigung der Cellitinnen GmbH und stellvertretender Vorsitzender Digital Health Germany e. V.

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