DMEA als Transformationsvorbild?

by | Apr 16, 2024

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Sie hat sich in wenigen Jahren zur absoluten Leitmesse entwickelt, die sich auch international nicht verstecken muss. Kann die Transformationsgeschichte der DMEA also als Blueprint für die digitale Transformation im Gesundheitswesen dienen?

 

Das Netz ist voll des Lobes für die diesjährige DMEA: höher, schneller, weiter, besser. Und ich kann mich da nur anschließen. Was die Verantwortlichen beim bvitg, der Messe Berlin und die vielen anderen Beteiligten in den letzten fünf Jahren auf die Beine gestellt und dann vor allem kontinuierlich weiterentwickelt haben, ist nicht nur beachtlich, es hat uns in Europa und auch international in die Veranstaltungsweltspitze katapultiert. Ich ziehe den Hut vor dieser Leistung. Was jetzt noch „fehlt“ ist die Kür – hier und da etwas Feinschliff, das eine oder andere Thema mit auf die Agenda bringen. Mehr braucht es nicht. Die (Gesundheits)Welt schaut oder kommt definitiv einmal im Jahr nach Berlin. Der jährliche DMEA-Termin ist gesetzt. Und die zahlreichen Abend- und Side-Events unterstreichen zudem, dass jeder versucht, etwas von der DMEA-Strahlkraft für die eigenen Zwecke und Belange zu nutzen.

Beflügelt von den Tagen in Berlin, den zahlreichen sehr guten Gesprächen und Veranstaltungen bin ich nun aber doch wieder in der Realität angekommen und ich muss zugeben, hier zeigt sich ein gewisser Grad an Ernüchterung. Denn das, was ich auf der DMEA gesehen und erlebt habe, ist irgendwie so gar nicht deckungsgleich mit dem Arbeitsalltag in eigentlich allen Bereichen des Gesundheitswesens. Die große Frage, die ich mir nun also stelle, ist: Wie schaffen wir es, aus dieser überragenden Leitmesse eine Umsetzungsinitiative abzuleiten? Denn mein Eindruck ist, dass die DMEA-Euphorie bei sehr vielen Akteuren viel zu schnell wieder verfliegt und alle dann doch wieder dasselbe Kaugummi kauen.

Aus dem Showroom in die Anwendung

Dabei steht die DMEA nicht nur inhaltlich als Leitmesse für die digitale Transformation des Gesundheitswesens, sie ist selbst ein Paradebeispiel, wie Transformation gelingen kann – nämlich indem weitergedacht, umgesetzt, großzügig geplant wird und natürlich auch das nötige Invest in die Umsetzung des Vorhabens fließt.

Übersetzt heißt das: Natürlich ist es legitim, über die TI zu schimpfen – vor und nach der DMEA. Nur ist das nicht zielführend. Transformation bedeutet, aus eben diesem Frust, den der Status Quo auslöst, etwas zu machen – im Idealfall ein neues Produkt, eine Dienstleistung oder einen ganz neuen Weg. Es muss uns im Gesundheitswesen genauso gelingen, die Menschen mitzunehmen. Denn die digitalen Lösungen selbst sind immer nur ein kleines Teil in einem großen Puzzle, das wir alle gemeinsam zusammensetzen müssen, um das große Bild am Ende des Tages erkennen zu können. Ich glaube, diesen wichtigen Aspekt haben tatsächlich bisher die Wenigsten wirklich verstanden.

Der Druck wächst

Was die diesjährige DMEA aber auch gezeigt hat: Der Druck von außen nimmt zu. Bestes Beispiel ist der US-Anbieter Epic, der sich erstmals in Berlin präsentiert hat. Warum? Weil mit der Abkündigung von i.s.h.med nun wieder ein Markt entsteht, den es in den letzten zehn Jahren nicht gegeben hat. Der KIS-Markt wird quasi neu sortiert. Soll heißen: Während wir uns noch an der Transformationsidee als solche aufreiben, machen andere einfach und positioniert sich.

Ergo kämen auch die reellen Preise und der Ressourceneinsatz von Software auf den Tisch – sicherlich eine echte Bereicherung für den Standort Deutschland und vielleicht auch eine kalte, aber wohltuende Dusche für viele Anbieter und Häuser. Die Frage ist allerdings, ob wir die nötigen Mittel dafür haben. Denn schon bei den KHZG-Ausschreibungen hat sich deutlich gezeigt, dass der Preis an vielen Stellen das wichtigste Kriterium war und ist. Sparpolitik in allen Ehren, sie führt in der Regel jedoch auch dazu, dass die langfristige Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr gerät. Denn wenn wir am falschen Ende sparen, verpassen wir den Anschluss. Dieses Augenmaß zwischen notwendigen Investitionen einerseits, ohne die Gelder unnötig zu verpulvern andererseits, wird gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zu einer Gradwanderung.

Alle Leitthemen auf der DMEA kosten Geld

Denn die Themen, die die DMEA in diesem Jahr bestimmt haben – KI, Cloud, TIM, ePA um nur ein paar zu nennen – sind nicht umsonst zu haben. Unser Timing könnte jedoch auch vorteilhaft sein. Denn aufgrund der Tatsache, dass wir in Punkto Digitalisierung noch deutlich Luft nach oben haben, können wir die KI genau wie die Cloud in fast allen Projekten bereits mitdenken und im besten Fall auch mit umsetzen. Das spart nicht nur Zeit und Geld, sondern kann uns in vielen Bereichen gleich in eine ganz neue Dimension katapultieren. Denn welcher Mehrwert sich mit einigen wenigen, dafür gezielt eingesetzten KI-Lösungen bereits generieren lässt, muss ich an der Stelle sicherlich nicht betonen.

Vieles steht und fällt natürlich auch mit der Politik. Denn wer auch immer in den nächsten Jahren über die Gesundheitspolitik bestimmt, es gilt viel zu orchestrieren. Ein kommender Bundesgesundheitsminister oder eine kommende Bundesgesundheitsministerin könnte sich auch deshalb den bvitg zum Vorbild nehmen und aus einer initialen (Veranstaltungs)Idee, etwas geschicktem Branding sowie der gezielten Förderung und Einbindung der richtigen Akteure ein europa- und vielleicht sogar weltweites Vorbild für ein zukunfts- und tragfähiges Gesundheitssystem machen. Viele Weichen sind bereits gestellt, gute, innovativen Lösungen am Markt zu erschwinglichen Preisen vorhanden. Fehlt nur ein Zeremonienmeister, der es versteht, alles geschickt zu einer wohlklingenden Symphonie zu verbinden.

Ich denke allerdings, dass wir dafür genau diese Euphorie brauchen, die wir alle beim Verlassen der Berliner Messehallen hatten. Wenn es also gelingt, etwas von diesem Spirit zu konservieren und überall dort wieder auszupacken, wo sich Ernüchterung breit macht oder alter Kaugummi gekaut wird, kann der Transformationsübertrag auf das Gesundheitswesen gelingen.

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