Digitalisierung in Arztpraxen bleibt ausbaufähig

by | Jan 16, 2024

Anhoren

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Das sechste Praxisbarometer Digitalisierung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Digitale Anwendungen sind im Praxisalltag angekommen. Stabile Ergebnisse sind jedoch kein Garant für Innovation und echte digitale Transformation.

 

Es sind zunächst positive Zahlen, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung, KBV, heute im Rahmen ihrer Online-Präsentation der Ergebnisse des sechsten Praxisbarometers Digitalisierung vorstellt: Zwölf Prozent der insgesamt 3.200 befragten Arztpraxen gaben an, dass die Kommunikation mit den Patienten komplett digital ablaufe, bei 29 Prozent immerhin nahezu digital. Wobei das für 68 Prozent E-Mail-Verkehr bedeutet. Aber: Es ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2020, wo nur zwei Prozent angaben, die Kommunikation mit den Patienten erfolgt komplett digital. Nahezu digital sagten damals auch lediglich zehn Prozent.

Der Blick auf die Kommunikation zwischen den verschiedenen Praxen zeigt ebenfalls einen positiven Trend: von drei Prozent (komplett digital) und acht Prozent (nahezu digital) in 2020 auf heute sechs Prozent, respektive 17 Prozent. Auch hier überwiegt beim Versand nach wie vor die E-Mail als bevorzugter Kommunikationsweg, aber auch KIM-Dienste gewinnen an Bedeutung, lässt sich aus den Zahlen ablesen: Hier lag die Nutzung 2020 bei 20 Prozent und ist innerhalb eines Jahres auf 38 Prozent angestiegen.

Gerade der Anwendungsnutzen werde von den Praxen zunehmend erkannt, hieß es bei der Präsentation. Besonders hoch ist er aus Sicht der Praxen bei Arztbriefen (72 Prozent) sowie beim Austausch von Befunden (60 Prozent) und Labordaten (48 Prozent).

Digitalisierung scheitert an Sektorengrenzen

Was jedoch nach wie vor eine besonders große Hürde dazustellen scheint, sind die nach wie vor klaren Sektorengrenzen im Gesundheitswesen. Denn nach der digitalen Kommunikation der Arztpraxen mit Krankenhäusern gefragt, gab es aus den Praxen kaum Fortschritte zu vermelden. 2020 erfolgte ein Prozent der Kommunikation mit dem stationären Sektor komplett digital, vier Prozent nahezu digital. Und hier hat sich bis 2023 nichts verändert. Die Werte liegen nach wie vor bei niedrigen zwei, respektive fünf Prozent. Selbst der Entlassbrief käme nur bei etwa sechs Prozent der Praxen digital an.

Das ist besonders bitter, da die befragten Praxen gerade in der sektorenübergreifenden Kommunikation einen großen Anwendungsnutzen sehen. Über 70 Prozent der Praxen sagen das beispielsweise für den Entlassbrief, 46 Prozent würden gerne digital über den Behandlungsverlauf ihrer Patienten während des stationären Aufenthalts informiert werden, 40 Prozent über die Medikation.

Videosprechstunde auch nach Corona stabil

Nach den digitalen Angeboten gefragt, die Praxen für ihre Patienten vorhalten, gaben 25 Prozent die digitale Terminvergabe an (20 Prozent in 2020). Und auch die Videosprechstunde scheint mit 37 Prozent im Praxisalltag angekommen zu sein. Der Wert ist seit der gestiegenen Nachfrage während der Corona-Pandemie weitestgehend stabil. Wobei der größte Anwendungsnutzen hier von den niedergelassenen Psychotherapeuten gesehen wird (73 Prozent), Hausärzte den Dienst mit 20 Prozent der Befragten hingegen noch vergleichsweise wenig nutzen.

Erfreulich sei hier vor allem, betont man bei der KBV, dass 79 Prozent der Befragten angaben, die Videosprechstunde funktioniere problemlos. Ebenso funktioniere die Verständigung mit den Patienten ohne Probleme (85 Prozent). Lediglich bei der Diagnosestellung sind die Niedergelassenen zurückhaltender. Jedoch halten 51 Prozent auch sie für ebenfalls problemlos.

TI-Anwendungen treiben Digitalisierung voran

Ein Booster für die Digitalisierung in deutschen Arztpraxen seien zudem die TI-Anwendungen, die vor allem von den Hausärzten intensiv genutzt werden. 96 Prozent von ihnen nutzen die eAU, 78 Prozent den eArztbrief via KIM, 49 Prozent den elektronischen Medikationsplan. Beim E-Rezept dürfte im kommenden Jahr ein deutlicher Anstieg bei den Ergebnissen zu verbuchen sein. Bei der aktuellen Befragung, die im September und Oktober 2023 durchgeführt wurde, lag der Anteil der Praxen, die das E-Rezept schon genutzt haben, bei 34 Prozent.

Allerdings ist auch bei der Zufriedenheit mit der Umsetzung und Nutzbarkeit der TI-Anwendungen noch Luft nach oben. 50 Prozent sind mit der Nutzung der eAU zufrieden, 45 Prozent mit dem eArztbrief, 37 Prozent mit dem E-Rezept und 36 Prozent mit dem eMP, was bis auf die Zufriedenheit mit dem eMP eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr ist.

Dass es aber auch hier nach wie vor die klassischen Medienbrüche gibt, zeigt das Beispiel eAU: Hier gaben 37 Prozent an, dass sie sie immer, 20 Prozent, dass sie sie häufig ausdrucken müssen. Die Nutzung der ePA sei bisher selten. Zudem sei ein Großteil der Ärzte (64 Prozent) mit den hohen Kosten unzufrieden, die sie für IT-Dienstleister ausgeben, die bei den TI-Anwendungen unterstützen müssten.

Hoher Anpassungsbedarf als Hemmnis

Was die Praxen nach wie vor als schwierig in Punkto Digitalisierung empfinden, sei der damit verbundene hohe Anpassungsbedarf. Während das 2020 schon 58 Prozent der Befragten angaben, ist der Wert in der aktuellen Befragung auf 71 Prozent gestiegen. Das ungünstige Kosten-Nutzen-Verhältnis bemängelten 2020 56 Prozent der Befragten, jetzt sind es 72 Prozent. Immerhin: Die Sorge um Sicherheitslücken in den EDV-Systemen ist von  57 Prozent in 2020 auf aktuell nur noch 41 Prozent gesunken.

Auch Dr. Sibylle Steiner, Mitglied des Vorstands bei der KBV, betonte im Rahmen der Präsentation, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen deutlich stärker ganzheitlich gedacht werden muss. Insbesondere die TI-Infrastruktur befinde sich aktuell auf dem Stand einer zweispurigen Bundesstraße mit Schlaglöchern. Demnach ginge die Formel, ein Mehr an Digitalisierung führe zu weniger Bürokratie, bisher auch noch nicht auf – auch nicht für die Patienten. „Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass zusätzliche administrative Aufgaben an die Praxen ausgelagert werden.“ Das ginge zu Lasten der Behandlungszeit. Als Beispiel nannte Steiner das E-Rezept, bei dem derzeit die meisten Rückfragen in den Praxen gestellt würden, obwohl es Aufgabe der Krankenkassen sei, ihre Mitglieder zu informieren.

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