Digital Health Deutschland: Globale Anbieter bauen Vorsprung aus

by | Feb 28, 2024

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Zwei aktuelle Umfragen zeigen: Die Deutschen sind grundsätzlich bereit, digitale Gesundheitsangebote zu nutzen – wenn sie denn gut gemacht sind. Und genau da haben die großen internationalen Anbieter die Nase vorn.

 

Verliert Digital Health „made in Germany“ nun doch den Anschluss? Zumindest legen das die Zahlen des aktuellen EPatient Survey nahe. Demnach stehen Plattformen und Lösungen von Big-Tech- und Social-Media-Konzernen hoch im Kurs, wenn es um Konsum, Informationen oder das Tracken von Vitaldaten geht. Abgesehen vom E-Rezept, stagnieren oder verlieren gleichzeitig nationale E-Health-Lösungen an Marktanteil, heißt es im Report.

Unter den Smartphone-Nutzern in Deutschland – immerhin 85 Prozent der Bevölkerung – stieg das digitale Trackingverhalten von 18 Prozent im Jahr 2021 auf 23 Prozent im Jahr 2023. Acht von zehn Nutzern setzen dabei auf Lösungen von internationalen Big-Tech- oder Consumer-Electronics-Anbietern. Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Vitaldaten von rund zwölf Millionen Deutschen sind auf Servern in den USA und Südkorea gespeichert.

Big Tech bei Jüngeren beliebt

Erstmals haben die Macher des EPatient Survey auch ungestützt nach der am häufigsten verwendeten app- oder web-basierten Gesundheitsanwendung gefragt. Auf Basis von 2.739 Nennungen, führen dabei globale Big-Tech- und Social-Media-Plattformen wie Google, YouTube, Apple Health, Samsung, Instagram, Facebook und TikTok mit 45 Prozent der Nennungen. Auf Platz zwei befinden sich die Gesundheitsportale deutscher Medienhäuser (24 Prozent), gefolgt von Apps und Webseiten von Krankenkassen (14 Prozent) sowie Apotheken (elf Prozent).

Besonders in der Zielgruppe unter 39 Jahren sind Big-Tech-/Social-Media-Anbieter und -Plattformen 2,5-mal stärker verbreitet als in der Zielgruppe über 60 Jahre (57 Prozent vs. 23 Prozent). Ähnlich verhält es sich mit Apps und digitalen Anwendungen von Apotheken, die von Personen unter 39 Jahren doppelt so häufig genutzt werden wie von Personen über 60 Jahren (zwölf Prozent vs. sechs Prozent).

Konkrete Digital Health-Anwendungen wie strukturierte Gesundheitskurse verzeichnen nach einem starken Rückgang nach dem Lockdown eine Stagnation, während die Online-Videosprechstunde leicht von 17 Prozent auf 14 Prozent zurückgeht. Die Online-Psychotherapie brach weniger stark ein (von zwölf Prozent auf elf Prozent) und wurde von knapp jedem zweiten Anwender sogar im letzten Monat zuletzt verwendet.

Digitale Versorgung gefragt

Es gibt allerdings deutliche Bewegungen im Bereich digitaler Versorgungsszenarien, wie beispielsweise im Vertrieb von Patienten-Apps über Arztpraxen. Der Anteil der Personen, die eine App von ihrer Arztpraxis erhalten haben, stieg innerhalb von zwei Jahren von sechs Prozent auf zwölf Prozent. Analysiert man dieses Subsegment genauer wird deutlich: Es handelt es sich dabei eher weniger um digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) nach dem Digitale Versorgung Gesetz, sondern mehrheitlich um Apps für das verordnete Medizingerät oder Apps im Kontext Medikamenteneinnahme.

Für Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School in Berlin sind die Ergebnisse dennoch besorgniserregend: „Durch die Verzögerung der digitalen Transformation im deutschen Gesundheitssystem setzen sich internationale Internetkonzerne mit ihrem werbe- und datengetriebenen Angebot immer weiter durch, was die Qualität der Kommunikation über Gesundheit und Krankheit massiv beeinträchtigt.“

Barmer Arztreport: Digitale Gesundheitsanwendungen hinter Erwartungen

Dazu passen auch die Ergebnisse des aktuellen Barmer Arztreport. Demnach sind DiGA nach wie vor nicht in der Versorgung angekommen. Unter den mehr als 1.700 für den Arztreport befragten Versicherten nutzten etwa 600 Personen den digitalen Helfer nicht über die vorgesehene Erstanwendungsdauer von 90 Tagen, darunter 230 weniger als einen Monat. „Digitale Gesundheitsanwendungen sind für viele Menschen immer noch eine Blackbox. Zu wenig Detailwissen und falsche Erwartungen führen dazu, dass DiGA zurückhaltend verordnet werden und deren Einsatz oftmals vorzeitig abgebrochen wird“, sagte der Vorstandsvorsitzende der BARMER, Prof. Dr. med. Christoph Straub.

Fügt man die Ergebnisse beider Umfragen zusammen, muss man unweigerlich auf eine Antwort kommen: Die Bereitschaft, digitale Gesundheitsangebote zu nutzen, ist in der Bevölkerung – allen voran in den jüngeren Generationen – durchaus vorhanden. Allerdings müssen die Angebote nutzerfreundlich und mehrwertstiftend sein. Denn genau das sind die Aspekte, bei denen das deutsche Gesundheitswesen noch zu kompliziert denkt, während Big-Tech aus Asien und den USA schlicht weiß, wie es funktioniert.

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