Die “Klinik” zwischen Patientenbesuchen erweitern

by | Mar 5, 2024

Geri Lynn Baumblatt, MA, berät und entwirft seit mehr als 20 Jahren interaktive Ressourcen zur Verbesserung des Engagements, der Kommunikation und der Beziehungen zwischen Patienten, pflegenden Angehörigen und Ärzten.

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Einfache Lösungen wie beispielsweise ein Aufklärungsvideo oder weiterführende, online bereitgestellte Informationen können die Gesundheitsversorgung immens verbessern.

 

Menschen mit gesundheitlichen Problemen, sind oftmals überwältigt und deshalb anders aufnahmefähig als in weniger stressigen Situationen. Zusätzlich erschweren Schmerzen und Krankheiten die Konzentration und das Erinnern an Informationen, die Ärzte mitteilen. Tatsächlich vergessen Menschen 40 bis 80 Prozent dessen, was ihnen gesagt wurde, wenn sie aus der Tür gehen; und vieles von dem, woran sie sich erinnern, ist oft falsch oder unvollständig, wie Studien zeigen.

Gleichzeitigt hängen Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen davon ab, dass sie in der Lage sind, Informationen zu verstehen, sich daran zu erinnern und danach zu handeln. Technologie kann das Behandlerteam durch Kommunikations- und Bildungsplattformen erweitern. Mit diesem Ansatz erhalten die Menschen von ihren Ärzten zuverlässige Informationen über eine neue Diagnose, ein bevorstehendes Verfahren oder Behandlungsoptionen, und zwar nach und zwischen den Arztbesuchen. Und sie können diese Informationen mit ihren Familienmitgliedern und Pflegepartnern teilen.

Informationen als Basis für „Heilung“

Wie wichtig diese Möglichkeit für Patienten ist, zeigt ein Beispiel, das ich selbst während der Entwicklung einer webbasierte Entscheidungshilfe machen durfte. Es war im Rahmen einer Fokusgruppe, die gerade ein Video als Entscheidungshilfe bei chronischen Rückenschmerzen gesehen hatte. Ein Mann saß still da, während sich alle anderen Teilnehmer unterhielten. Der Moderator bemerkte ihn und fragte, was ihn beschäftigen würde. Er hatte dank des Videos zum ersten Mal erkannt, dass er nicht nur seit Jahren unter Rückenschmerzen, sondern auch unter Depressionen litt. Er war überwältigt, dass sich Mediziner die Zeit nahmen, ein Video zu produzieren, dass ihm genau das klar verständlich machte.

Das Beispiel zeigt eindrucksvoll: Die elektronische Übermittlung dieser Art von Ressourcen an die Patienten vor oder zwischen den Arztbesuchen ist eine großartige Möglichkeit, Abläufe in Kliniken umzukrempeln. Menschen können sich deutlich besser auf ein Gespräch über Behandlungsoptionen, ein Verfahren oder eine Umstellung der Versorgung vorzubereiten, damit sie nicht überfordert sind, wenn sie zu einem Behandlungsgespräch kommen. Patientenfreundliche Informationen können nach dem Besuch per E-Mail verschickt werden, um das Besprochene zu vertiefen. Sie können sie zu Hause noch einmal durchlesen und sich darauf konzentrieren. Dies hilft ihnen, die Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, ihre Fragen zu formulieren und produktive Gespräche zu führen.

Hohe Zufriedenheit auf beiden Seiten

Wenn Menschen zwischen den Besuchen hilfreiche Informationen erhalten, fühlen sie sich Untersuchungen zufolge auch stärker mit ihrem Gesundheitsteam verbunden. Kliniker berichten ebenfalls über eine höhere Zufriedenheit mit Patientengesprächen, wenn ihre Patienten vor dem Besuch Informationen erhalten. Schon 2002 nannten Don Kemper und Mollie Mettler dies „Informationstherapie” – die richtigen Informationen zur richtigen Zeit an die richtige Person zu verschreiben.

Dies ist eine großartige Möglichkeit, Informationen zu standardisieren und zu bekräftigen, was das Gesundheitsteam bei Terminen sagt. Und wenn die Informationen über eine elektronische Plattform verschrieben werden, kann sogar nachverfolgt werden, wer sie ansieht. Eine solche Auswertung stellt sicher, dass die Patienten klare, aktuelle und für sie geeignete Informationen erhalten. Wenn die Aufklärungsressourcen leicht verständlich sind und auf die Fragen und Bedenken der Menschen eingehen, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie sich an Dr. Google wenden, wo sie möglicherweise unangemessene, veraltete oder falsche Informationen finden. Das bedeutet, dass Gespräche für beide Seiten angenehmer sind oder weniger Zeit für die Beantwortung von Online-Suchanfragen aufgewendet werden muss.

Online ist ein anderer Ort

Was außerdem wichtig ist: Online haben die Menschen ein Gefühl von Privatsphäre. Eine Studie ergab, dass Patienten online ehrlicher über Sex und Drogenkonsum sprachen, weil der Computer sie nicht verurteilte. Die Machtdynamik fällt weg, wenn kein anderer Mensch anwesend ist, der auf sie reagiert – oder aus Sicht des Patienten möglicherweise über sie urteilt. Daher ist es wahrscheinlicher, dass Menschen Depressionen, Sorgen über die Einnahme von Medikamenten, Alkoholkonsum, körperliche oder verbale Misshandlung, psychische Probleme oder Ernährungs- und Wohnungsunsicherheiten ehrlich offenlegen. Dies sind wertvolle Informationen, die Behandlern helfen können zu verstehen, warum Menschen Anweisungen befolgen oder nicht.

Patienten sind in der Regel sehr daran interessiert, mehr über ihre Krankheit oder ihre Behandlung zu erfahren und die Anweisungen, die sie erhalten, zu verstehen. Wenn den Patienten online hochwertige Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, haben Studien ergeben, dass die Patienten das Gefühl haben, dass sie mehr Klarheit über die Dauer der Krankheit, die Symptome und die Zeit, die Medikamente brauchen, um zu wirken, gewonnen haben. Sie zeigen ein besseres Wissen und eine bessere Compliance bei Dingen wie Ernährung oder die Vorbereitung auf eine Koloskopie. Sie haben auch ein deutlich besseres Erinnerungsvermögen und eine höhere Zufriedenheit.

Asynchrone Plattformen verbessern die Gesundheit

Am wichtigsten ist jedoch, dass die Unterstützung von Patienten und Familien durch asynchrone Plattformen die Gesundheit und die Ergebnisse verbessern kann – und zwar in allen Bereichen. Es hat sich auch gezeigt, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen und die Dauer des Aufenthalts reduziert sowie die Kosten für die Versorgung durch weniger Besuche in der Notaufnahme und in der Praxis gesenkt werden. Eine andere Studie aus 2019 ergab eine 44-prozentige Verringerung der 30-tägigen Wiederaufnahmen.

Und es gibt immer mehr Belege dafür, dass es die Effizienz der pflegenden Angehörigen, die psychosozialen Ergebnisse, die soziale Unterstützung und die Fähigkeit der Menschen, sich selbst zu vertreten, verbessern und das Gefühl der Einsamkeit und Isolation verringern kann.

Kurzum: Die Zeit zwischen den Arztbesuchen bietet eine große Chance, die Aufklärung, Pflege und Unterstützung von Patienten und Familien zu verbessern. Wenn sie mit Bedacht eingesetzt werden, stärken und fördern Online-Plattformen Beziehungen mit den Patienten, damit Ärzte bessere Gespräche führen können und Patienten besser informiert und unterstützt werden.

 

Geri Lynn Baumblatt, MA, berät und entwirft seit mehr als 20 Jahren interaktive Ressourcen zur Verbesserung des Engagements, der Kommunikation und der Beziehungen zwischen Patienten, pflegenden Angehörigen und Ärzten. Sie ist Mitglied des Patient Centered Outcomes Research Institute’s Patient Engagement Advisory Panel, im Vorstand des Journal of Patient Experience, Link-age Launch, und Citizen Health.

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