„Die Cloud ist mehr als nur ein Hosting-Element in der IT-Infrastruktur“

by | Apr 8, 2024

Jens Dommel, Head of Healthcare for Europe, Middle East and Africa (EMEA) bei Amazon Web Services

Anhoren

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Genau wie es vor 20 Jahren in kaum einer Klinik einen CIO gab, gibt es heute nur vereinzelt Datenverantwortliche und Datenstrategien. Das muss sich jedoch ändern, um Gesundheitsdaten zielführend zu nutzen, betont Jens Dommel im Interview. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel.

 

Amazon Web Services (AWS) veröffentlicht zur DMEA im deutschsprachigen Raum ein Whitepaper mit dem Titel „Paradigmenwechsel im Gesundheitsdatenmanagement durch die Cloud“. Das Problem bisher: die eingeschränkte Datennutzung. 97 Prozent der Gesundheitsdaten bleiben aktuell noch ungenutzt, weil sie in unstrukturierten Daten gefangen sind. Auch die Silos, in denen sich die meisten Gesundheitsdatensätze befinden, seien eine Herausforderung. Die Cloud könne das ändern, glaubt man bei AWS. HealthCareTimes hat exklusiv vorab mit Jens Dommel, Head of Healthcare EMEA, über das Whitepaper, die Cloud und einen möglichen Paradigmenwechsel gesprochen.

 

Herr Dommel, die Cloud und das Gesundheitswesen haben bisher eine, nennen wir sie mal eher durchwachsene Beziehung. Woher kommt diese scheinbar grundsätzliche Skepsis?

Erst einmal vorweg: Die Cloud im Gesundheitswesen in Deutschland und Europa gibt es und sie wird weitverbreitet eingesetzt. Es gibt viele Beispiele von Kliniken, die komplett in der Cloud sind und das absolut datenschutzkonform. Wir haben auch zahlreiche Versicherer, die unsere Services nutzen, und auch viele Partner, die ihre Anwendungen Cloud-basiert bauen und sowohl in Deutschland als auch international ausrollen. 3M mit seiner Spracherkennungssoftware, die in über 100 Kliniken läuft, ist hier sicherlich ein gutes Beispiel. Mit Blick auf die Skalierung oder auch Nutzungsgeschwindigkeit, ist Deutschland allerdings tatsächlich hinterher. Um das zu erkennen, müssen wir gar nicht weit schauen. Ein Blick auf andere europäische Länder wie Spanien, Italien oder Großbritannien reicht. Für das Warum gibt es aus meiner Sicht verschiedene Aspekte: falsche Vorurteile zum Datenschutz und zur Compliance mit der Cloud sind in Deutschland ein großes Thema. Allerdings können wir hier immer wieder zeigen, dass sich unsere Kunden in eben dieser in einem sicheren Rechtsrahmen bewegen können. Die C5-Attestierung sei einmal exemplarisch genannt, die wir als erster Anbieter vom BSI erhalten haben. Ein anderer Aspekt ist Wissen, wo wir in Deutschland durchaus Nachholbedarf haben, was mit der Cloud, ihren zahlreichen Anwendungen und neuen Technologien alles möglich ist. Zudem fehlen im Gesundheitswesen oft die internen Kapazitäten zum Umstieg auf die Cloud.

Weil das Stichwort neue Technologien gerade fiel: Künstliche Intelligenz ist in der Medizin, allen voran in Wissenschaft und Forschung auf dem Vormarsch. Wie wichtig ist die Cloud, um das Potenzial der KI voll ausschöpfen zu können.

KI ohne Cloud geht nicht. Einfaches Beispiel ist wieder die Spracherkennung, was uns unsere Partner genauso bestätigen: Die Qualität ist in einer reinen On-Prem-Welt nicht dieselbe, weil Ressourcen nicht im selben Ausmaß skaliert werden können. Viel wichtiger für den Einsatz von KI – und so kommen wir dann auch schnell zurück auf unser Whitepaper und das Datamanagement – sind jedoch gute Daten. Hier erleben wir durch Technologie, durch die Cloud tatsächlich einen Paradigmenwechsel, den man ein stückweit erst einmal verstehen muss, um ihn anschließend besser nutzen zu können.  

Wie charakterisiert sich dieser Paradigmenwechsel?

Der Paradigmenwechsel zeigt sich in vier Ausprägungen: Zum einen darin, wie Datenmodelle neuartig aufgebaut werden. Zweitens, wie der Zugriff auf Daten verwaltet wird. Drittens, dass Anwendungen zu den Daten gebracht werden. Und viertens, wie es ermöglicht wird, dass die richtige Technologie zur optimalen Verarbeitung der Daten eingesetzt wird. Lassen Sie mich das konkretisieren. In der Vergangenheit wurden Datawarehouse-Systeme aufgebaut, wo beispielsweise klinische und finanztechnische Daten zusammengeführt wurden und vielleicht noch mit einer Analytik erweitert wurde. Die Idee, diese Datawarehouses in die Cloud „zu heben“ und damit die nächste Stufe erreicht zu haben, ist jedoch ein Irrglauben. Skalierbare Infrastruktur zu nutzen, gehört sicherlich mit zum Paradigmenwechsel, gemeint ist jedoch, sich von den Datawarehouse-Ansätzen, also von einem vordefinierten, strukturierten Datenmodell, zu lösen und stattdessen sogenannte Health Lakes aufzubauen. 

Wie muss man sich so einen „Datensee“ im Vergleich zum Warenhaus vorstellen, bildlich, weil hier die Daten freier schwimmen, anstatt fein säuberlich im Regal sortiert zu sein?

In etwa. Letztendlich nehme ich die Daten und bringe sie im Health Lake in dem Format zusammen, in dem sie vorliegen – ganz gleich ob als Bild, Dokument, Video oder Audio. Über einen Health Lake schaffe ich viel mehr Zugang zu diesen Daten. In der Vergangenheit waren die sehr stark anwendungsbezogen und damit immer nur so gut verfügbar oder zugänglich, wie es die Anwendung zugelassen hat. Diese Einschränkung überwinden Data Lakes, weil sie Daten erst einmal „einfach nur“ sammeln und den Zugriff ermöglichen. Damit ist auch der Versand von Daten obsolet – die ja früher tatsächlich auf Festplatten von einem Logistikdienstleister von A nach B gebracht wurden. Über die Cloud-Technologie und insbesondere die Data Governance Funktion von Health Lakes kann ich heute den Zugriff auf Daten weltweit managen.  

Ein solches Zugriffsmanagement müsste doch aber den Aspekten Datenschutz und Compliance zugutekommen, die in Deutschland so wichtig sind…

Tut es auch. Wenn erst einmal zentrale Data Governance-Strukturen aufgebaut sind, können Compliance- und Datenschutzanforderungen viel besser gemanagt werden. Vor allem für Institutionen und Unternehmen, die länderübergreifend arbeiten, ist das eine immense Erleichterung, weil auch unterschiedliche Anforderungen entsprechend einfach umgesetzt und überwacht werden können. Und auch sogenannte föderierte Modelle – beispielsweise für interdisziplinäre und internationale Forschungsprojekte – sind so umsetzbar, weil die Anwendungen zu den Daten geschickt werden können und nicht wie bisher umgekehrt. Überall dort, wo kleine und große Datenmengen geografisch breit gestreut sind – ich denke etwa an die Erforschung von seltenen Erkrankungen – können diese neuen Möglichkeiten eine effektivere Zusammenarbeit ermöglichen, mit potenziell großen Auswirkungen. Wichtig ist dabei, dass die Hoheit über die personenbezogenen Daten beim Patienten liegt.

An Gesundheitsdaten mangelt es grundsätzlich nicht. Warum ist es so schwer, diese Daten nutzbar zu machen?

Aus der Historie heraus. Bisher wurden gerade im Gesundheitswesen Daten immer wieder neu erhoben, anstatt vorhandene Daten für neue Anwendungsfelder nutzbar zu machen. Hier eine gewisse Konsistenz reinzubringen, die entsprechende Governance aufzubauen, Doubletten herauszufiltern, ist tatsächlich eine Herausforderung – allerdings eine, die wir angehen müssen, denn die Basis jeder neuen Technologie sind nun einmal die Daten. Das ist genau der Paradigmenwechsel, über den wir eingangs gesprochen haben, der nun durch die Cloud im Health-Datamanagement erstmals möglich wird. Es gibt erste Häuser – auf der HIMSS hat die Universitätsklinik Maastricht ihre Strategie vorgestellt –, da ist das Datenmanagement ein eigenes Modul in der gesamten Krankenhaus-IT-Architektur, ein sogenannter Building Block.

Genau das ist ja auch eine der Schlussfolgerungen, die Sie in Ihrem neuen Whitepaper ziehen: Gesundheitsorganisationen sind zwar reich an Daten, gewinnen aber zu wenig Erkenntnisse daraus. Was braucht es aus Ihrer Sicht in den Klinken, im Gesundheitswesen, um diesen Datenschatz in der Praxis auch zu heben?

Vielleicht gehen wir dafür auch einmal in die Praxis: Die Häuser, die sehr erfolgreich sind im Datenmanagement und damit eine höhere Qualität in der Gesundheitsversorgung, aber auch Einsparpotenziale erzielen, haben zentrale Datenmanager, also Menschen, die für die Datenstrategie verantwortlich sind. Vor rund 20 Jahren, als die IT für Kliniken immer relevanter wurde, war in den wenigsten Häusern die Verantwortlichkeit geklärt. Erst in dem Moment, wo IT zu einem strategisch wichtigen Ziel erklärt wurde, wurden auch die personellen Ressourcen allokiert. Und so ähnlich wird es sich auch mit dem Datamanagement im Gesundheitssektor verhalten.   

Weil wir über die Praxis sprechen: Haben Sie ein Best Practice Beispiel im Gepäck?

Besonders beeindruckend ist sicherlich, was das Rush University System for Health in Chicago aufgebaut hat. Das Krankenhausnetzwerk erforscht die Ursachen hinter der geringeren Lebenserwartung von Minderheiten und einkommensschwachen Bewohner der West Side von Chicago. Gemeinsam haben wir dafür eine umfassende Analyselösung entwickelt. Das Ergebnis ist die Health Equity Care & Analytics Platform (HECAP), die Daten aus verschiedenen Quellen transformiert, aggregiert und harmonisiert – also der Health Lake und der Paradigmenwechsel, über den wir gerade gesprochen haben.

Am Ende reden wir also eher über einen Wandel in den Köpfen der Verantwortlichen und in den Strukturen, denn die Technologie ist bereits da und einsatzbereit…

Ganz genau. Es ist ein Change-Management-Prozess, den Klinken durchlaufen müssen, um die positiven Effekte, den Mehrwert und letztendlich auch das Einsparpotenzial nutzen zu können – denn all das bieten die Technologien heute schon. Das ist mir ganz wichtig zu betonen: Die zahlreichen Vorteile kommen nicht automatisch, in dem ich das, was ich heute an IT schon habe, in die Cloud schiebe. Wirklichen Mehrwert habe ich dann, wenn ich die Technologien nutze und die Cloud nicht nur als Hosting-Element in meiner IT-Infrastruktur ansehe. Und wir hoffen, dass die zahlreichen Beispiele in unserem Whitepaper genau das verdeutlichen. Man kann nämlich schon mit kleinen Schritten und ersten Cloud-Services anfangen, Mehrwert zu generieren.

 

Jens Dommel ist bei Amazon Web Services Leiter des Bereichs Public Sector Healthcare für die EMEA-Region. Dabei verantwortet er die Strategie für den Markteintritt und die Schaffung erfolgreicher neuer Organisationen, Strukturen und Geschäftsprozesse in der Gesundheitsbranche durch die Adaption von Cloud und KI. Zuvor war Jens Dommel bei CompuGroup Medical, Microsoft und anderen Unternehmen tätig. Er hat einen Abschluss als Diplom Ingenieur im Bereich Wirtschaftsinformatik und Maschinenbau an der Technischen Universität Berlin.

 

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