Weil die meisten Menschen grundsätzlich viel Zeit im Auto verbringen, wollen Wissenschaftler der TU Braunschweig und der Medizinische Hochschule Hannover genau da mit Diagnostik ansetzen.
43 Minuten pro Tag verbringen Menschen durchschnittlich im Auto. „Da liegt es nahe, auch medizinische Untersuchungen in unsere tägliche Mobilität mit einzubinden“, sagt Prof. Thomas Deserno vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI), dass 2007 von der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover gegründet wurde. „Die Integration einer kontinuierlichen Gesundheitsüberwachung birgt großes Potenzial, Krankheiten früher zu erkennen“, ist der Experte überzeugt und forscht am Thema „Automotive Health“, also der Verknüpfung von Gesundheitsdiensten mit dem Auto. Die Idee der Wissenschaftler: Das Auto erkennt Anzeichen für Diabetes, kritische Herzfrequenzen, sich anbahnende Herz-Kreislauferkrankungen oder Erschöpfung während der Fahrt.
Sensoren im Lenkrad und Sicherheitsgurt
Am PLRI haben die Forscher nun ein erstes „smartes“ Auto entwickelt, das sie nun erstmals auf der Medica kommende Woche vorstellen wollen. Ein Auto dort zu präsentieren sei zwar neu und ungewöhnlich, aber eben auch folgerichtig, ist Deserno überzeugt.
Das SmartCar des PLRI ist mit integrierten Sensoren für EKG, Herz- und Atemfrequenz ausgestattet, die passiv und kontinuierlich die Gesundheit während der Fahrt überwachen, ohne den Fahrenden zu beeinträchtigen. So sind im Lenkrad Sensorsysteme integriert, die über die Hände ein EKG aufzeichnen. Im Sicherheitsgurt werden die Herztöne erfasst. Eine Innenraumkamera nimmt das Gesicht des Fahrer ins Visier, um Herzschlagrate und Atemfrequenz zu berechnen. Ein Temperatursensor im Autositz misst zusätzlich die Körpertemperatur. Alle wichtigen Vitalparameter können so erfasst werden. Die aufgenommenen Daten werden über eine Sensordatenfusion mit Hilfe eines neuronalen Netzes zusammengeführt und analysiert.
Durch die Messungen über einen längeren Zeitraum kann ein individuelles Profil der Patienten erstellt werden. Kleine, aber kontinuierliche Änderungen in diesem persönlichen Gesundheitsprofil, wie zum Beispiel häufigere oder längere Herzschlagunregelmäßigkeiten (Vorhofflimmern), können so frühzeitig erkannt werden. Gut ein Drittel aller Schlaganfälle werden durch Vorhofflimmern ausgelöst und könnten mit dem PLRI SmartCar möglicherweise vermieden werden.
Tägliche Zusammenfassung
Wenn es also künftig, heißt: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn es Ihr Auto sagt“, darf sich niemand wundern. Denn das Team vom PLRI plant, die ausgewerteten Daten täglich per Mail zu versenden und auf Auffälligkeiten hinzuweisen, die einen Arztbesuch erforderlich machen. Die Autofahrer sollen während der Fahrt nicht durch ein Notfallsystem gestört oder abgelenkt werden. Den großen Vorteil, den die Wissenschaftler bei der Messung im Auto sehen: Die Werte werden zu unterschiedlichen Tageszeiten erhoben, die aber meist auch eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen. Da ist zum Beispiel die Fahrt zur Arbeit und zurück oder auch Einkaufsfahrten. So lassen sich Unregelmäßigkeiten deutlich schneller erkennen,
„Uns geht es darum, tendenzielle Veränderungen und Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und damit präventiv zu wirken“, erklärt Prof. Deserno. Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Car as Diagnostic Space“ (CarDS) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fahrzeugtechnik der TU Braunschweig ist es daher auch herauszufinden, wie viel Prozent der Fahrzeit für eine zuverlässige Herzfrequenzanalyse geeignet sind. Dadurch können die Wissenschaftler feststellen, ob es möglich ist, die Fahrzeit für eine genaue Herzfrequenzanalyse zu nutzen.



