Des einen Freud ist des anderen Leid

by | Oct 19, 2023

Anhoren

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Die einen profitieren von den Essgewohnheiten der Menschen, während das Gesundheitswesen unter den Kosten der daraus resultierenden Volkskrankheiten ächzt. Wie hoch ist der wirtschaftliche Druck von Lebensmittel- und Pharmaindustrie wirklich? 

 

Es ist eine interessante Korrelation, die das Wirtschaftsmagazin Spiegel aber auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kürzlich in der ZDF-Nachrichtensatire „heute show“ unabhängig voneinander herstellen. Die Rede ist von der engen Verzahnung zwischen der Lebensmittel- und der Pharmaindustrie. Und die liegt tatsächlich auf der Hand. Viele der Volkskrankheiten, die unser Gesundheitssystem jedes Jahr in Milliardenhöhe belasten, sind auf unsere Ernährung zurückzuführen. Oder positiv ausgedrückt: Wer sich gut ernährt, ist im Idealfall länger gesund. Die Frage ist nur, wie eng beide Branchen wirklich miteinander verwoben sind und ob die wirtschaftlichen Anreize auf beiden Seiten dazu führen, dass Gesundheitssysteme unnötig hoch belastet werden.  

Karl Lauterbach betonte die enge Korrelation zwischen Pharma- und Lebensmittelindustrie in einem Interview. Die Heute-Show-Moderatoren fragten ihn, ob es nicht langsam einen „Zucker-Lockdown“ braucht, weil eben jene ungesunde Ernährung das deutsche Gesundheitswesen Milliarden kostet. Seine Antwort ganz im Sinne des Satire-Formats: Von Lockdowns habe er erst einmal genug, das habe bereits genügend Stimmen gekostet. Dann verweist er allerdings auf die beiden Milliardenmärkte, die Lebensmittelindustrie auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Milliardenmarkt für Medikamente, die den Konsequenzen des immensen Zuckerkonsums begegnen.  

Was er nicht sagt, aber dem geneigten Zuschauer auf der Zunge liegt: Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es keinerlei Anreize, den Zuckerkonsum zu reduzieren – im Gegenteil. Und das, obwohl die Universität Hamburg die gesamtgesellschaftlichen Kosten für Adipositas in Deutschland – und Zucker ist einer der Hauptverursacher – mittlerweile auf rund 63 Milliarden Euro pro Jahr schätzt, davon allein die Hälfte für die Behandlung resultierender Erkrankungen. Zum Vergleich: Alkohol kostet das deutsche Gesundheitswesen „nur“ etwa 57 Milliarden Euro. Und der Konsum von Alkohol ist zumindest für Minderjährige reglementiert. Zuckerkonsum nicht und er ist seit Jahren extrem hoch. Laut Statista lag er 2021/2022 bei knapp 35 Kilo pro Kopf pro Jahr. Ein Eingreifen der Politik wäre also nicht nur verständlich, sondern vielleicht sogar nötig.  

Mal miteinander, mal gegeneinander? 

Während es in der Causa Zucker noch nach einem Win-Win für Lebensmittel- und Pharmaindustrie aussieht, zeichnet Spiegel Online ein anderes Bild. Anfang Oktober titelte das Medium, dass Abnehmspritzen die Umsätze der US-Lebensmittelbranche bedrohen würden. Gemeint ist der Wirkstoff Semaglutid, das neue „Wundermittel im Kampf gegen Fettleibigkeit“, das in den USA bereits vielfach eingesetzt wird. Denn der ursprünglich für Diabetes Typ II entwickelte Wirkstoff hat sich als echter Appetitzügler erwiesen und wird nun entsprechend gehypt – mit den angedeuteten negativen Folgen für den Einzelhandel. Kunden würden weniger einkaufen, heißt es etwa vom Walmart-Chef John Furner, der gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg außerdem betonte, dass man sich über die konzerneigenen Apotheken durchaus ein Bild vom veränderten Konsumverhalten machen könne – anonymisiert natürlich.   

Diese Einschätzung teilt Philip Terwey, Geschäftsführender Gesellschafter der Vermögensverwaltung Grossbötzl, Schmitz & Partner nicht. Sein Unternehmen verwaltet die Investorengelder des DWS Concept GS & P Food, einem auf die Lebensmittelbranche ausgerichteten Fonds der Deutsche Bank Tochter, und beschäftigt sich entsprechend intensiv mit dem Milliardenmarkt. Er sagt: „Bei oberflächlicher Betrachtung kommt man schnell zu dem Schluss, dass die aktuelle Kursschwäche, welche weite Teile der Food and Beverage Branche umfasst, im Zusammenhang mit dem Hype rund um die Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy steht (Anmerkung der Redaktion: Die Produktnamen des Wirkstoffs Semaglutid). Wir halten diese These für zu kurz gegriffen.“ Terwey begründet seine Einschätzung damit, dass Semaglutid zwar zu einem veränderten Appetitempfinden führe, dieser Effekt jedoch nur für die Behandlungsdauer anhalte. Das hält der Experte für einen wichtigen Faktor in der Gesamtbetrachtung – vor allem, weil die Jahresmedikation der Spritzen aktuell etwa 20.000 US-Dollar kostet, die zumeist privat bezahlt werden müssen. „Die Gewichtsreduktion ist nicht auf eine nachhaltig geänderte Essgewohnheit zurückzuführen, sondern lediglich in einer temporären Veränderung des Essverhaltens zu finden. Daher ist ein ‚Rückfall‘ in alte Muster nach Absetzen des Medikaments wahrscheinlich“, glaubt Terwey. 

Zum veränderten Konsumverhalten der Kunden, die auf die Abnehmspritze setzen, gäbe es zwar Stimmen aus der Branche, die Veränderungen stünden jedoch mit einer Kalorienreduzierung im Zusammenhang, wofür jedoch insgesamt mehr Geld ausgegeben werde. Am Ende würde also der Umsatz der Branche sogar steigen. Und das hänge auch mit der hohen Anpassungsfähigkeit der Branche zusammen, glaubt Terwey: „Der Markt der Basiskonsumgüter wird von einem elementaren Faktor gestützt: der Demografie. Immer mehr Menschen wollen ernährt werden. Zudem haben Lebensmittelkonzerne bereits in der Vergangenheit oft gezeigt, dass sie es sehr gut verstehen, auf Veränderungen der Konsumgewohnheiten zu reagieren. So besteht auch für Restaurantbetreiber in diesem Kontext beispielsweise eine Chance, zukünftig kleinere Portionen vermutlich für den bisherigen Preis anzubieten.“ 

Am Ende des Tages ist es natürlich so, dass sowohl die Lebensmittel- als auch die Pharmaindustrie von unseren schlechten Essgewohnheiten profitieren. Dass Menschen, die abnehmen – ob mit medizinischer Unterstützung oder alleine –, eine ganze Branche in den wirtschaftlichen Ruin treiben, ist hingegen deutlich übertrieben. Vielmehr hat jeder Einzelne es in der Hand, sich gesund zu ernähren, und damit ein Stück weit auch mitzubestimmen, was für Lebensmittel uns im Supermarkt angeboten werden. Das Schlagwort, das in Zukunft noch stärker in den Fokus gerückt werden muss, lautet Prävention. Es gilt deutlich früher zu vermitteln, was gesund ist und wie man sich ausgewogen ernährt, idealerweise schon in der Schule. Das fordern auch immer mehr Mediziner und Wissenschaftler. Denn die Folgen von Übergwicht greifen deutlich weiter. Mittlerweile gingen sieben Prozent der Krebsneuerkrankungen in Deutschland auf das Konto von Übergewicht, betont beispielsweise der Chef des Deutsche Krebsforschungszentrums Michael Baumann. Diese 30.000 auf Übergewicht zurückzuführenden Krebsfälle in Deutschland seien vermeidbar. Vor allem Brustkrebs nach den Wechseljahren und Darmkrebs treten bei fettleibigen Menschen erheblich häufiger auf. Gebärmutter- und Nierenkrebs oder Karzinome der Speiseröhre seien sogar in fast 50 Prozent aller Fälle auf Adipositas zurückzuführen.  

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