Dauerthema Arzneimittellieferengpässe

von | Sep. 30, 2024

Anhoren

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Sie sind zurück, pünktlich zur Erkältungssaison: Lieferengpässe. Doch während es an der einen Stelle vielleicht nur ärgerlich ist, ein Medikament nicht zu bekommen, kann es an anderer Stelle lebensbedrohlich sein. Warum also ist eine Lösung so schwer?

Unsere tägliche Dosis Information als 90-Sekunden-Podcast hat es verraten: Seit langem hat mich mal wieder ein grippaler Infekt erwischt. Nicht weiter dramatisch und sicher auch nicht der Rede wert, wenn ich dadurch nicht quasi hautnah erlebt hätte, was Lieferengpässe bei Arzneimitteln eigentlich bedeuten. Zum Glück lässt sich mein aktueller Zustand auch mit allerhand Hausmitteln wie heiße Zitrone mit Ingwer oder regelmäßigem Inhalieren gut managen. Was aber, wenn das Krebsmedikament nicht mehr verfügbar ist oder bei hohem Fieber keine Zäpfchen für den Nachwuchs zu beschaffen sind?

„Die Lieferengpässe von Arzneimitteln sind eine bittere Realität in der täglichen Versorgung unserer Patienten“, heißt es in einer Stellungnahme vom Apothekerverband Nordrhein. Jedes zweite Rezept sei mittlerweile von Lieferengpässen betroffen. Antibiotika, Antidepressiva, Asthma-Mittel, Insulin, Herz- und Krebsmedikamente, Schmerzmittel – die Liste der nicht verfügbaren Wirkstoffe steige.

Problem ist nicht neu

Wem die Argumentation bekannt vorkommt: Lieferengpässe sind tatsächlich schon länger ein großes Problem. Und so warnen Apotheker- und Ärzteverbände dieser Tage unisono davor, dass wir genauso unvorbereitet in die aktuelle Winter- und damit Erkältungs- und Grippesaison gehen, wie schon in den Vorjahren.

Und eigentlich sollte auch bereits alles besser sein. Vor rund einem Jahr hatte die Bundesregierung dafür das sogenannte Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) verabschiedet. Doch die nüchterne Bilanz nach nicht mal einem Jahr: Das ALBVVG wirkt nicht. Vom Verband Pro Generika heißt es, dass weder Hersteller ihre Produktion ausweiten konnten, noch neue Antibiotika-Fabriken entstanden sind. Es gebe auch nicht mehr Kinderarzneimittel als in den Jahren zu vor und Ursachen, wie die des Doxcycylin-Engpasses wurden nicht beseitigt. Hier moniert der Verband den „absurd niedrigen Preis von 42 Cent je Zehnerpackung“, weshalb nur zwei von ehemals 40 Herstellern das wichtige Antibiotikum überhaupt noch produzieren. Laut einer Mitgliederbefragung von Pro Generika geht zudem kein einziger Hersteller davon aus, dass es auf Basis des ALBVVG zum Ausbau von Antibiotika- oder Onkologika-Produktion in Europa kommt. Im Gegenteil: Die verschärften Vorschriften zur Vorratslagerung binden Kapazitäten und führen sogar dazu, dass die Herstellung bestimmter Arzneimittel nicht mehr wirtschaftlich ist.

Technik soll es lösen

Immerhin will man im Bundesgesundheitsministerium (BMG) künftig verstärkt auf Technik setzen, um Lieferengpässe frühzeitig zu erkennen, um dann gegensteuern zu können. Auf eine kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion zum Stand des ALBVVG hieß es aus dem BMG unter anderem, dass die technischen Voraussetzungen für das geplante Frühwarnsystem – es soll am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelt sein – geschaffen seien. Für diesen Herbst sei ferner eine erste prototypische Auswertung geplant. Auch erste Kooperationsverträge seien unterschrieben. Als Beispiel wird die Arzneimitteldatenbank (AmAnDa) des Bundes genannt, die mit den Pharmazentralnummern (PNZ) verknüpft werden konnte. Als nächstes soll AmAnDa mit Marktdaten verbunden werden können.

Oder mit anderen Worten: Die Mühlen mahlen langsam. Immerhin mahlen sie, möchte man sagen, doch das wird an den Engpässen in diesem Winter wohl nichts mehr ändern können.

Kritisch muss deshalb auch bewertet werden, dass die Gründe – der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen nennt beispielhaft eine zu enge Kostenschraube, eine hohe Abhängigkeit von ausländischen Produktionskapazitäten oder gesetzliche Bestimmungen – hinreichend bekannt sind. So wurde beispielsweise bereits mit der Abstimmung der Briten zum Brexit – wir erinnern uns, die war 2016 – vor den Folgen für die Europäische Arzneimittelaufsicht EMA inklusive Lieferengpässen gewarnt. Denn einen neuen Sitz für die Behörde zu finden, sei das eine, sagten Experten damals, das Wissen und das Know-how der rund 900 Mitarbeiter in London zu transferieren, etwas ganz anderes. Und auch die große Abhängigkeit von Indien und China bei generischen pharmazeutische Wirkstoffen ist seit Jahren bekannt.

Winter der Hausmittel?

Ende September verzeichnet das BfArM nun bereits wieder Lieferengpässe für rund 500 Arzneimittel und Medizinprodukte. Auch hier könnte man sagen: Immerhin weniger als im Vorjahr, wo die Zahl zeitweilig bei über 1.000 Produkten lag. Allerdings beginnt die Erkältungssaison auch gerade erst, womit abzusehen ist, dass sich die Lage noch weiter zuspitzen wird – auch, wenn man im BMG partout nur von punktuellen Engpässen sprechen möchte.

Mediziner und Apotheker kritisieren, dass sie mit der Lösung für das Problem alleine gelassen werden und dass die Hersteller nicht genügend in die Pflicht genommen werden.

Und tatsächlich scheint eine wirkliche Lösung auch nach Jahren nach wie vor nicht Sicht, sodass gerade bei und für mildere Erkältungsverläufe in diesem Jahr noch einmal eine Doppelstrategie gefragt sein könnte: Prävention und die guten alten Hausmittel. Wer Glück hat, ergattert im Buchladen seines Vertrauens vielleicht noch Fachlektüre zu beiden Themen – bevor auch hier Lieferengpässe entstehen.

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