„Dampfende“ Gemüter am Weltnichtrauchertag

by | May 31, 2024

Anhoren

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Es ist irgendwie absurd, dass ausgerechnet heute am Weltnichtrauchertag dermaßen hitzig übers Rauchen diskutiert wird – auch wenn es angeblich einen großen Unterschied macht, ob man nun raucht oder „nur“ dampft.

 

Rauchen ist ein durchaus ernstes und vor allem gesundheitsrelevantes Thema, weshalb es nur bedingt amüsant ist, welche Diskussionen heute am Weltnichtrauchertag geführt werden. Denn im Grunde sagt der Name klar: Heute ist der Tag all jener Menschen, die nicht rauchen. Genauso wie der Weltfrauentag dem weiblichen Teil der Bevölkerung gewidmet ist. Zudem ging es der Weltgesundheitsorganisation, die den Weltnichtrauchertag 1987 ins Leben gerufen hat, darum, über die Risiken und Gefahren von Tabakkonsum aufzuklären.

Und das scheint nach wie vor nötig: In Deutschland rauchen laut epidemiologischer Suchtsurvey 2021 etwa 23 Prozent der Erwachsenen, das entspricht rund zwölf Millionen Menschen. Die Raucherquote macht bei Männern knapp 26 und bei Frauen knapp 20 Prozent aus. Gleichzeitig zeigen Zahlen des Informationsdienstes rauchfrei-info der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass 2022 in Deutschland insgesamt 27,1 Milliarden Euro für Tabakwaren ausgegeben wurden, 7,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Demgegenüber stehen Kosten durch tabakbedingte Krankheiten und Todesfälle von knapp 100 Milliarden Euro pro Jahr, wovon ungefähr ein Drittel direkte Kosten für das Gesundheitswesen sind. Die anderen rund zwei Drittel stellen sogenannte indirekte Kosten dar, wie beispielsweise Ausfälle bei der Produktion und Frühverrentungen.

Nachtigall zu hören

Soweit die harten Fakten. Nun äußern sich interessanterweise heute zum Weltnichtrauchertag besonders viele Tabakkonzerne und auch Interessensverbände der Industrie. Womit sich auf den ersten Blick die Frage aufdrängt, ob beide sich selbst abschaffen wollen. Aber nein, wollen sie natürlich nicht. Bei der British American Tobacco (Germany) GmbH (BAT) nutzt man den heutigen Tag, um „als ein führender Hersteller von Tabak- und Nikotinprodukten erneut zu bekräftigen, dass niemand, der minderjährig ist, Nikotinprodukte konsumieren sollte“.

Und auch beim Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) freut man sich darüber, dass die „Raucherzahlen für Minderjährige in Deutschland weiterhin auf einem niedrigen Niveau“ liegen. Hier bemüht man neue repräsentative Studienergebnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wonach im vergangenen Jahr „nur“ 7,2 Prozent der männlichen und 6,4 Prozent der weiblichen Befragten zwischen 12 und 17 Jahren rauchten. Der aktuelle Bericht widerlege also die DEBRA-Studie (Deutschen Befragung zum Rauchverhalten), die Auslöser für politische Forderungen nach einer noch strengeren Regulierung von Tabakprodukten waren. Die DEBRA-Studie hatte für 2022 nahezu eine Verdoppelung der Raucherprävalenz bei Jugendlichen auf 15,9 Prozent gemeldet. Der BVTE sieht sich in seiner Kritik an der DEBRA-Studie und ihren methodischen Schwächen bestätigt – Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Rauchen versus Dampfen

Denn die allgegenwärtige Präsenz von sowie der Zugang zu Zigaretten und Tabak in Supermärkten und Tankstellen ist, was heute Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum gegenüber der Deutschen Presseagentur kritisiert: „Die gesundheitsgefährlichen Produkte sind noch immer viel zu stark präsent im Alltag – die Menschen sind dem Kaufanreiz ausgesetzt, wenn sie in der Warteschlange an der Supermarktkasse oder Tankstellentheke stehen.“

Mit „gesundheitsgefährlichen Produkten“ meint Schaller übrigens sowohl die klassischen als auch die neuen „E-Varianten“, was heute zumindest gefühlt einem Stich ins Wespennest gleichkommt. Denn Rauchen und Dampfen, neudeutsch Vaping, könne man keinesfalls in einen Topf werfen. So führt BAT am heutigen Tag beispielsweise an, dass Studien zeigen würden, dass die Zahl vorzeitiger Todesfälle erheblich reduziert werden können, wenn Raucher vollständig auf reichfreie Alternativen wie das Dampfen umsteigen würden. Ob ein kompletter Verzicht vielleicht die noch bessere Alternative wäre?

„Epidemie an Falschinformation“

Die World Vaper’s Alliance (ja, die gibt es wirklich), spricht sogar von einer „Epidemie an Falschinformation“, ausgelöst von der Weltgesundheitsorganisation herself, die das Dampfen fälschlicherweise in Misskredit bringen. Man sei „vor dem Weltnichtrauchertag erschüttert über die Ergebnisse einer neuen Umfrage, wonach 70 Prozent der Raucher in Deutschland und 74 Prozent weltweit fälschlicherweise glauben, dass E-Zigaretten genauso schädlich sind wie Zigaretten.” Das widerspräche dem aktuellen Stand der Forschung.

Der Bundesverband Rauchfreie Alternative e.V. (BVRA) – Achtung, der Name ist möglicherweise irreführend, hier ist man pro Dampfen – stürzt sich hingegen auf das diesjährige Motto des Weltnichtrauchertags, das von den beiden organisierenden Verbänden kommt, dem Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR) und der Stiftung Deutschen Krebshilfe. Es lautet: „Außen echt nice – innen echt toxisch“ und zielt ebenfalls auf die Gefahren von E-Zigaretten ab.

Laut BVRA drohen die genannten Organisationen ihr eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren, nämlich die Raucherraten zu senken. Denn genau dafür seien E-Zigarette für Millionen Menschen der richtige Weg. Und sterben würden die Menschen nur an herkömmlichen Zigaretten. „Bei schadensreduzierten Nikotinprodukten wie E-Zigaretten, Tabakerhitzern, Snus oder sog. White Pouches ist diese Zahl null. Sie war auch zu jedem Zeitpunkt null“, betont man beim BVRA.

E-Zigaretten bei Jugendlichen beliebt

Und genau hier scheiden sich dann wieder die Geister. Denn bei der Stiftung Deutsche Krebshilfe und dem ABNR habe man das Motto bewusst gewählt, um gerade Jugendliche vor den Gefahren der keinesfalls harmlosen E-Zigaretten zu warnen: „Attraktiv designed und sofort einsatzfähig, in einer Vielzahl beliebter Geschmackssorten sowie bereits ab etwa fünf Euro erhältlich, sprechen Einweg-E-Zigaretten insbesondere junge Menschen an. Dieser vermeintlich positive Eindruck täuscht jedoch über die gesundheitlichen Gefahren des Konsums der Produkte hinweg, die neben einer Reihe giftiger Stoffe zum Großteil auch das suchterzeugende Nikotin enthalten“, heißt es zum Hintergrund der Kampagne.

Für einen Weltnichtrauchertag wird heute also sehr viel übers Rauchen, pardon, auch übers Dampfen diskutiert. Wobei wohl unstrittig sein dürfte, dass man am besten beides lässt – und idealerweise gar nicht erst anfängt.

Als Fazit drängt sich hier fast zwangsläufig ein Video aus den Fünfzigern auf, dass als Parodie seit einiger Zeit vom Algorithmus der einschlägigen Social Media Portale immer wieder hochgespült wird. Angesprochen wird ein Mann, der offensichtlich keinen Sicherheitsgurt in seinem Wagen hat – den würde er sich auch nie kaufen, wie er sagt. Denn wenn einem während der Fahrt aus Versehen die Zigarette runterfiele, würde man sie nie erreichen. Ob der Mann am Zigarettenkonsum, durch einen Autounfall oder eines natürlichen Todes gestorben ist, ist leider nicht überliefert.

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