Die Möglichkeiten, die KI in der Medizin bereits heute bieten, sind immens. Allerdings kommen sie nur mit der Cloud auch einem breiten Publikum zugute. Auch deshalb brauchen wir mehr Aufklärung und (Weiter)Bildung, ist AWS Chief Medical Officer Dr. Rowland Illing überzeugt.
Dr. Illing, als Radiologe haben Sie bereits mit neuen Technologien und insbesondere Künstlicher Intelligenz gearbeitet, lange bevor der aktuelle Hype losging. Was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem getan?
Das stimmt in der Tat. Wir haben in der Radiologie schon vor vielen Jahren mit KI gearbeitet – es hat nur niemand so genannt. Seitdem hat sich allerdings die Leistungsfähigkeit der Technologie dramatisch verändert. Wir bei AWS arbeiten seit über 20 Jahren mit KI und haben den Wandel von Maschine Learning über Deep Learning bis zur heutigen generativen KI aktiv begleitet. Und trotzdem ist es auch für mich immer wieder beeindruckend, wo die KI mittlerweile überall unterstützen kann – natürlich nach wie vor in der Bildgebung, aber eben auch in der Arbeit mit Genen, in großen Biodatenbanken, bei der Entwicklung von Medikamenten. Wir arbeiten heute mit wirklich multimodalen Daten und das ist die eigentliche Errungenschaft.
Wobei es auch bestimmte Voraussetzungen braucht, um das Potenzial der KI überhaupt zu entfesseln – Stichwort Cloud…
Absolut. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Ohne Cloud gibt es keine KI. Natürlich kann man KI auch ohne Cloud-Technologien entwickeln. Aber ohne die Cloud kann die KI weder zugänglich gemacht werden, noch ist sie skalierbar. Das ist aus meiner Sicht die Grundlage, um KI zu demokratisieren. Denn letztendlich muss die Technologie in die Hände der Menschen, die damit einen Mehrwert für die Gesundheitsversorgung generieren.
Ist die KI einer der Treiber hinter dem globalen Trend in Richtung Cloud?
Ja, aber nicht ausschließlich. Im Gesundheitswesen geht es immer auch um Sicherheit und Resilienz. Hier punktet die Cloud einfach mit ihrer Flexibilität und der Fähigkeit, dass Systeme nach einem Ausfall oder Angriff auch sehr schnell wiederhergestellt werden können. Letztendlich geht es ja gerade im Gesundheitswesen darum, die Verfügbarkeit der Systeme aufrechtzuerhalten, insbesondere bei wirklich kritischer Infrastruktur etwa in Kliniken, Praxen, aber auch Forschungseinrichtungen oder Laboren.
Sie sagen also, weltweit entscheiden sich immer mehr Akteure im Gesundheitswesen aufgrund von Sicherheit und Datenschutz für die Cloud? Ich frage so explizit, weil es oftmals scheint, als wären genau das die Aspekte, die hierzulande noch für viele Cloud-Skeptiker sorgen…
Tatsächlich sind es Sicherheits- und Datenschutzaspekte, die für die Cloud sprechen. Viele Organisationen verstehen mittlerweile, dass die Cloud eben jene Infrastruktur und Werkzeuge wie Rückverfolgung und Überprüfbarkeit bietet, die es braucht, um die eigene IT-Umgebung kontrollieren zu können.
Was sind das für Organisationen, die sich aus Sicherheitsgründen für die Cloud entscheiden?
Die britische NHS vertraut beispielsweise auf AWS-Cloud-Lösungen, um sämtliche Klinikdaten im Land miteinander zu verbinden. In den USA arbeiten wir mit der Arzneimittelaufsicht FDA genauso zusammen wie mit dem National Institute of Health. Ferner arbeiten wir mit der australischen Regierung eng zusammen, um Patienten mit Australia Health Direct ein einheitliches Frontend anzubieten, mit dem Menschen überall im Land Zugang zur Primärversorgung erhalten. Wir sprechen hier also wirklich über eine große Anzahl an patientenidentifzierbaren Datensätzen, die rund um den Globus über die AWS-Cloud verarbeitet und zugänglich gemacht werden.
Australia Health Direct ist ein interessantes Beispiel: Liegt hier vielleicht die gedankliche Hürde, weil IT-Systeme im Gesundheitswesen bisher für einen speziellen Zweck – etwa ein KIS oder AIS – konzipiert wurden und daher nicht aus der Patientenperspektive gedacht sind?
Das ist gut möglich. Im Gesundheitswesen sehen wir historisch bedingt etwa in den Kliniken systemzentrierte Lösungen, die die spezielle Fragestellung adressieren, wie man die IT in einem Krankenhaus verwaltet. Heute geht es allerdings darum, die Gesundheitsdaten von Menschen zu managen, die sich sektorenübergreifend im Gesundheitssystem bewegen. Das ist ein Paradigmenwechsel für die IT – von systemzentriert zu personenzentriert –, der ein Umdenken erfordert, um die richtigen Daten zur richtigen Zeit den richtigen handelnden Akteuren zur Verfügung stellen zu können.
Wenn man noch mit in die Waagschale wirft, welchen Mehrwert derart strukturierte Gesundheitsdaten für Forschung und Wissenschaft hätten, verwundert es fast, dass im Rahmen des KHZG nicht mehr als die 150 Anträge für den Fördertatbestand 7 Cloud-Computing eingegangen sind…
Es gibt auch in Deutschland Kliniken, etwa das Fachklinikum Mainschleife in Bayern, die schon ihre gesamte IT über die AWS-Cloud betreiben. MLL Münchner Leukämielabor ist ein weiteres prominentes Beispiel wie über die Cloud mit großen Datenmengen gearbeitet wird und so Innovationen vorangetrieben werden können. Es ist also nicht so, dass die Cloud in Deutschland keine Rolle spielt, ich glaube allerdings, dass die Technologie bisher ungleich verteilt ist. Wir sind darauf vorbereitet, dass mehr Einrichtungen und Häuser die technologischen Vorteile sicher und konform für sich nutzen.
Könnte der deutlich stärkere Kostendruck im Gesundheitssektor ein Argument für die Cloud sein?
Das ist er definitiv. Über Sicherheit und Resilienz haben wir schon gesprochen. Rechenkapazitäten kann man allerdings mittlerweile durchaus als Grundversorgung betrachten. Und genauso wenig wie ein Krankenhaus seine eigene Strom-, Wasser- oder Energieversorgung betreiben würde, gilt das heute für Rechenkapazitäten und die IT-Infrastruktur. Wir haben den Kostenaspekt bereits 2020 näher analysiert und damals über einen Zeitraum von fünf Jahren rund 14,5 Milliarden Euro Einsparpotenzial innerhalb der IT für Europa und Großbritannien alleine durch den Shift in die Cloud identifiziert.
Wo genau entsteht dieses Einsparpotenzial?
Indem Ressourcen geteilt oder Kapazitäten hoch und runter skaliert werden können – etwa an den Wochenenden, wenn der Betrieb nicht auf 100 Prozent läuft. Oder etwa, wenn generative KI in Prozesse integriert werden soll. Hier müssen Kapazitäten aufgebaut werden, die über die Cloud schneller und günstiger verfügbar sind. Das übergeordnete Stichwort ist also Flexibilität, über die wir ja bereits gesprochen haben. Und letztendlich ist sie immer auch die Grundlage für Innovation.
Jetzt haben Sie das Schlagwort „Demokratisierung“ von Gesundheitsleistungen in Kombination mit Cloud- und KI-Technologien genannt. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Letztendlich geht es darum, dass beide Technologien den Zugang zur Gesundheitsversorgung vereinfachen und auch gerechter machen können – besonders für jenen Teil der Bevölkerung, der in unterversorgten Regionen lebt. Telemedizin ist hier sicherlich ein Schlagwort, weil Versorgung nicht mehr ausschließlich in Persona erfolgen muss. Gleiches gilt für die Forschung, beispielsweise bei seltenen Erkrankungen, wo mit dem Zugriff auf global verfügbare Daten andere Möglichkeiten entstehen. Demokratisierung beschreibt also tatsächlich sehr gut, wie neue Technologien für deutlich mehr Menschen einen fairen Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung ermöglichen.
Bei all den Vorteilen, über die wir bereits gesprochen haben: Was braucht es aus Ihrer Sicht, um Vorurteile gegenüber neuen Technologien abzubauen?
Ich bin davon überzeugt, dass wir vor allem mehr Aufklärung brauchen. Letztendlich müssen gerade Entscheider – egal ob im Gesundheitswesen oder der Politik – verstehen, welche Chancen und Möglichkeiten hinter Technologien wie der Cloud und KI stecken – aber eben auch, wie sie funktionieren und damit wie sie in regulatorische Rahmenbedingungen eingebunden werden können. Wir brauchen also einen konstruktiven Dialog und müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass auch die Belegschaften technologisch fit(ter) werden.
Dr. Rowland Illing ist Chief Medical Officer und Director of Global Healthcare and Non-Profit bei Amazon Web Services (AWS). Er ist verantwortlich für die Strategie und Zusammenarbeit mit Kunden aus dem Gesundheits- und Non-Profit-Sektor weltweit, darunter Anbieter, Kostenträger und Gesundheitstechnologieunternehmen. Sein besonderes Interesse gilt Technologien wie der künstlichen Intelligenz. Illing ist Radiologe, war am University College Hospital in London Leiter der Abteilung für interventionelle Onkologie und ist dort nach wie vor Honorarprofessor in der Abteilung für Chirurgie und interventionelle Wissenschaften. Er ist Mitglied des Royal College of Surgeons of England und Fellow der Faculty of Medical Leadership and Management des Vereinigten Königreichs. Er hält weiterhin Vorträge und veröffentlicht in der akademischen Literatur und ist Mitglied des Digital Health Roster of Experts für die WHO und der European AI Alliance für die Europäische Kommission.



