Cass Report: Schwache Evidenz für Pubertätsblocker

by | Apr 11, 2024

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Kindermedizinerin Hillary Cass hat nun den 2020 vom britischen NHS in Auftrag gegeben Report zur Genderdysphorie veröffentlicht. Vor allem ihr Urteil zur wissenschaftlichen Evidenz ist vernichtend. 

 

2020 war es eine Reaktion auf Vorwürfe, Kinder und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie wären in der Londoner Spezialklinik Tavistock, die 2022 geschlossen wurde, aus ideologischen Gründen zu einer Behandlung mit Pubertätsblockern und Geschlechtshormonen gedrängt worden. Damals hatte der britische National Health Service (NHS) die renommierte Kinderärztin Hillary Cass mit einem umfassenden Report beauftragt. Und schon beim Zwischenbericht 2022 war klar: Transgender-Medizin im Königreich wird zu freigiebig und unkritisch bewertet.

Gestern wurde der Abschlussbericht veröffentlicht und Cass fand bei der Vorstellung der Ergebnisse deutliche Worte: „Wir haben die Kinder im Stich gelassen, weil die Forschung nicht gut genug ist und wir über keine guten Daten verfügen.“

Wissenschaftliche Evidenz fehlt

Nach rund vier Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema – sie selbst sagte auf der Pressekonferenz, sie hätte 2020 erwartet, bereits nach ein paar Monaten wieder zurück in den Ruhestand zu können – ist für Cass klar, dass es keine guten Beweise dafür gibt, dass Pubertätsblocker sicher sind und tatsächlich die gewünschten Effekte erzielen. Zudem kritisierte sie, dass eine klinische Studie zu dem Thema bereits auf eine größere Gruppe junger Menschen ausgeweitet wurde, bevor überhaupt erste Ergebnisse vorlagen. Es sei mindestens „ungewöhnlich“, dass junge Menschen eine potenziell lebensverändernde Behandlung bekommen, ohne zu wissen, was mit ihnen im Erwachsenenalter passiert. Solche Nachuntersuchungen würden bislang komplett fehlen.

Psyche zu wenig berücksichtigt

Während 2009 in Großbritannien etwa rund 50 Minderjährige auf Geschlechtsdysphorie behandelt wurden, waren es 2022 schon etwa 5.000 Kinder und Jugendliche. Auffällig sei zudem dass mittlerweile immer mehr biologische Mädchen behandelt werden, während es 2009 überwiegend biologische Jungen waren. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz für Transgender-Identitäten lasse sich diese Zunahme nicht mehr erklären, betont Cass. Vielmehr zieht sie einen Zusammenhang zu den ebenfalls stark zunehmenden psychischen Leiden der Generation Z, also den zwischen 1995 und 2009 Geborenen. Soziale Netzwerke, einfacher Zugang zu Online-Pornografie und Gewalt sowie die Sorge über globale Krisen – der Druck, unter dem diese Generation aufwächst, ist anders, weshalb Cass dafür plädiert, eine mögliche Geschlechtsdysphorie in einem breiteren Kontext zu betrachten und anzugehen.

Cass räumte ein, dass ihre Ergebnisse für viele Betroffene nicht zufriedenstellend seien, schloss aber gleichzeitig auch nicht aus, dass der medizinische Pfad der richtige sein kann – allerdings nach ihren Erkenntnissen nur für eine Minderheit. Angesichts der Häufung nonbinärer Geschlechtsidentitäten warnte sie zudem davor, sich einer binären medizinischen Behandlung zu unterziehen, die später nur schwer rückgängig gemacht werden könnte.

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