BRIDGE-Projekt: Gesundheit über Grenzen hinweg denken

by | Mar 14, 2024

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Die Universität Twente entwickelt ein flexibles Gesundheitssystem für dünn besiedelte Grenzregionen. HealthCareTimes hat mit den Verantwortlichen des BRIDGE-Projektes gesprochen.

Dass Gesundheitsversorgung nicht an Grenzen endet, ist ein interessanter Ansatz. Woher kam die Idee zum BRIDGE-Projekt, Frau Fischer?

Ganz einfach: aus dem praktischem Bedarf im Gesundheitswesen. Zum Beispiel sind auf deutscher Seite Fiebermedikamente für Kinder oft nicht verfügbar. In den Niederlanden fehlen hingegen Intensivbetten. Wenn diese Ressourcen auf der jeweils anderen Seite der Grenzen verfügbar sind, warum sollte man sich nicht zusammenschließen, um die Versorgung auf beiden Seiten zu verbessern? Dieser grenzüberschreitende Austausch ist innerhalb der Europäischen Union ja sogar verhältnismäßig einfach. Alle EU-Bürger haben das Recht auf medizinische Behandlung in allen Mitgliedstaaten, die Patientenmobilität. Zudem gibt es einen offenen Arbeitsmarkt, sodass auch Gesundheitsfachkräfte in allen europäischen Ländern arbeiten dürfen.

Das klingt tatsächlich einfach, auch in der Umsetzung… 

Theoretisch ja. In der Praxis gibt es dennoch hohe administrative Hürden – etwa bei der Anerkennung von Qualifikationen. Und auch finanzielle Aspekte sind nicht zu unterschätzen, da Krankenkasse nicht immer bereit sind, jede Behandlung im Ausland zu übernehmen. Und genau um diese Herausforderungen geht es bei unserem Forschungsprojekt. Wir haben an der Universität Twente zusammen mit dem Netzwerk Acute Zorg Euregio untersucht, wie sich Ressourcenteilung und Personalfluktuation innerhalb niederländischer Organisationen gestaltet und daraus Potenziale für regionale Lösungen analysiert. Gleichzeitig hatte das Universitätsklinikum Münster auf der angrenzenden deutschen Seite bereits getestet, wie sich Covid-Patienten während der Pandemie über eine Plattform besser verteilen lassen. Heute wird die Plattform dafür genutzt, verwundete Soldaten aus der Ukraine innerhalb Deutschlands zu verteilen. Mit BRIDGE haben wir uns zusammengeschlossen, um unsere Ansätze zu kombinieren und eine digitale Plattform zu entwickeln, die es ermöglicht, die vorhandenen Ressourcen in der Grenzregion zu bündeln und effizient zu verteilen.

Innerhalb des Projekts gibt es sogenannte Float-Pools für Gesundheitspersonal. Was verbirgt sich dahinter?

Es geht darum, Kapazitäten so zu bündeln, dass eine effiziente Versorgung auch mit knappen Ressourcen möglich wird – egal, ob wir über Betten, Medikamente oder Fachkräfte sprechen. Nichts anderes sind Float-Pools: Ressourcen, die flexibel den Organisationen oder Abteilungen zugewiesen werden, die den größten Bedarf oder akut die meisten Engpässe haben. Float-Pools können ausserdem dabei helfen, verschiedene Anforderungen innerhalb eines Systems auszugleichen, regionale Ungleichgewichte im Gesundheitswesen zu überwinden und sicherzustellen, dass die Gesundheitsversorgung für Patienten in zumutbarer Entfernung erreichbar ist. Auch in puncto Personalmangel tragen sie dazu bei, Arbeitszeiten effizienter zu gestalten und Bereitschaftsdienste zu reduzieren.

Frau Bruens, sind diese Float-Pools auch innerhalb der Notaufnahmen ein gangbarer Weg?

Das prüfen wir bei Acute Zorg Euregio derzeit. Idealerweise können sie dabei helfen, auch hier flexibler auf die sich ändernden Anforderungen sowie den Mangel an Pflegekräften zu reagieren. Wir dürfen nicht vergessen: Sowohl Deutschland als auch die Niederlande stehen vor der Herausforderung, ihre Gesundheitssysteme zukunftsfähig aufzustellen. Die Standards im Gesundheitswesen sind zwar nach wie vor hoch, die Herausforderungen nehmen allerdings kontinuierlich zu.

Sehen Sie in den dünner besiedelten Grenzregionen noch einmal besondere Herausforderungen für das Gesundheitswesen, Frau Fischer?

Ein wesentlicher Faktor: Es gibt oft nicht genügend Patienten – oder vielmehr nicht genügend Patienten mit bestimmten Erkrankungen, die spezielle Fachkräfte rechtfertigen würden. Patienten in Grenzregionen müssen deshalb weite Strecken für eine adäquate Versorgung auf sich nehmen. Und auch die Personalsuche gestaltet sich in Grenzregionen schwieriger. BRIDGE adressiert dieses Problem, indem es grenzüberschreitend denkt und Ressourcen bündelt. Dadurch vergrößert sich die Region quasi und die Anzahl der potenziellen Patienten und Mitarbeiter erhöht sich. Außerdem fördert BRIDGE die Zusammenarbeit mehrerer Organisationen, um den Bedarf in dünn besiedelten Regionen effektiver abzudecken

Im Zentrum des Projekts steht der Plattformgedanke. Könnten Sie uns mehr darüber erzählen, wie diese Plattform funktionieren wird und welche Vorteile sie bietet?

Unsere Vision ist eine Plattform, die allen Krankenhäusern in der deutsch-niederländischen Grenzregion zur Verfügung steht. Dort können dann freie Ressourcen aber auch Engpässe angezeigt werden. Das Ziel ist es, Bedarf mit verfügbaren Ressourcen zu verbinden, der orchestriert ist und nicht nur auf persönlichen Netzwerken beruht. Darüber hinaus soll die Plattform auch administrative Hürden abbauen.

Welche Rolle spielen neue Technologien in diesem Gesamtkonzept?

Sie sind Mapping-, Kommunikations- und Interaktionstools. Die Plattform wird idealerweise zu einem Kapazitätenmanagementsystem, das auch Daten automatisch verarbeiten kann. Das würde Prozesse deutlich effizienter machen und die administrative Arbeit reduzieren.

Über welchen Zeitrahmen sprechen wir hier?

Unser Projekt ist gerade erst gestartet. Demnach wurden zunächst die verfügbaren und die benötigten Ressourcen in den teilnehmenden regionalen Krankenhäuser erfasst. In einem nächsten Schritt simulieren wir dann die gemeinsame Nutzung der Ressourcen. Wir wollen herausfinden, worauf wir uns für den Piloten fokussieren müssen. Dann erst wir die Plattform entwickelt, implementier und evaluiert. Angesetzt ist BRIDGE für einen Zeitraum von vier Jahren, wobei die Plattform mindestens ein Jahr im tatsächlichen Betrieb sein soll, um auch die Fortschritte für die Grenzregion im Zeitverlauf bewerten zu können. Unser langfristiges Ziel ist es klar, dass sich aus dem Projekt eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen den Partnerkrankenhäusern entwickelt, die auch darüber hinaus skalierbar und marktfähig ist.

Das klingt, als könnten die Ergebnisse des Projekts die Versorgung in vielen ländlichen Regionen verbessern…

Meine Vision ist, dass jeder Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung hat, unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten und ohne lange Anfahrtswege. Ich glaube, indem wir stärker zusammenarbeiten, können wir ein Gesundheitssystem schaffen, das den Herausforderungen demografischer Veränderungen, wirtschaftlicher Schwankungen und möglicher zukünftiger Pandemien besser gewachsen ist. Durch diese Zusammenarbeit können wir unsere Gesundheitssysteme widerstandsfähiger machen und langfristig sicherstellen, dass sie für kommende Generationen funktionieren.

 

Das BRIDGE-Projekt an der Universität Twente zielt darauf ab, die Gesundheitsversorgung in dünn besiedelten Grenzregionen zu verbessern. Es wird von Caroline Fischer, Assistenzprofessorin für öffentliche Verwaltung und digitale Transformation an der Universität Twente, und Manon Bruens, Managerin bei Acute Zorg EUREGIO, einem Netzwerk von medizinischen Notfallversorgungseinrichtungen in der Euroregion Twente, Ost-Achterhoek sowie den Grenzregionen zu Deutschland, geleitet. Ziel ist es, eine innovative Plattform zu entwickeln, um die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern zu stärken und Ressourcen effizienter zu nutzen.

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