Bitte verklagt euch nicht gegenseitig

by | Oct 20, 2023

Anhoren

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Petzen war schon im Kindergarten keine wirklich nachhaltige Lösung, sondern hat vielleicht kurzfristig für vermeintliche Gleichstellung gesorgt. Warum sollte das beim Thema Interoperabilität im Gesundheitswesen anders sein? 

 

Der Vorschlag von Dr. Susanne Ozegowski, Leiterin der Abteilung für Digitalisierung und Innovation des Bundesgesundheitsministeriums, BMG, auf dem 8. Deutschen Interoperabilitätstag in Berlin erinnert ein wenig an die frühe Kindheit im Sandkasten. Da gab es immer dieses eine Kind, dass alle Förmchen und Schäufelchen für sich haben und nicht teilen wollte. Die einzigen beiden Optionen, um doch noch mitspielen und mitbauen zu können, waren Tränen und Petzen. Dann kam entweder ein Erziehungsberechtigter oder wahlweise einer der Erzieher im Kindergarten, hat geschimpft und schon hatte man Schaufel und Förmchen und konnte loslegen.  

So ähnlich stellt man sich das im BMG nun auch mit der Interoperabilität im Gesundheitswesen vor. Denn da sich Softwarehersteller in der Vergangenheit nicht immer an die Spezifikationen der Gematik gehalten haben, sollen sich die Hersteller in Zukunft gegenseitig verklagen dürfen, wenn eine Software nicht interoperabel umgesetzt wird. Getreu dem Motto: Wer die anderen Kids nicht mitspielen lässt, kriegt von oben auf den Deckel.  

Viele Kläger und keine Richter? 

So ganz ausgereift sind die Pläne allerdings noch nicht – allen voran blieb die Frage offen, bei welcher Instanz die diversen Klagen überhaupt eingehen sollen. Fragt man den Deutschen Richterbund, würde der vermutlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Den dort weiß man ohnehin nicht mehr wohin mit den unzähligen unerledigten Verfahren. Die Zahl neuer Fälle lag im vergangenen Jahr bundesweit bei über 5,2 Millionen Verfahren. Ein neues Rekordhoch, wie der Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn betont. Und der Aufwärtstrend setze sich fort. Ende Juni meldeten die Ermittlungsbehörden laut Richterbund fast 850.000 offene Verfahren. Die Zahl der unerledigten Fälle nahm im Vergleich zum Juni 2021 um 28 Prozent zu. 

Dass eine gegenseitige Abmahn- und Klagewelle das gewünschte Ziel – ein mehr an Interoperabilität – erreicht, ist also mehr als fraglich. Zumal ein Einklagen auch schon im Widerspruch zur Wortbedeutung steht – nämlich „möglichst nahtlose zusammenzuarbeiten“, wenn wir an dieser Stelle einmal das Wörterbuch zitieren wollen.  

Warum ist Kooperation so schwer? 

Der Vorschlag des BMG unterstreicht jedoch deutlich, dass das deutsche Gesundheitswesen ein systemisches Problem hat. Wir stehen als Gesellschaft vor der Mammutaufgabe, unsere Gesundheitsversorgung nachhaltig und zukunftsfähig auszurichten und dafür müssen wir nicht nur neue Wege gehen, sondern vor allem auch gemeinsam nach Lösungen suchen. Monolithen sind allenfalls in der Natur schön – und auch da meist nur, wenn sie natürlich entstanden sind, wie der Burringurrah oder auch Mount Augustus in der Wüstensteppe Westaustraliens. 

Die künstlichen monolithischen Gebilde in den Tiefen der Systemlandschaften im Gesundheitssektor sind es nicht, zumal sie auch selten „aus einem Guss“ sind, was monolithisch im übertragenen Sinn bedeutet.  

Anstatt also eine ganze Branche gegeneinander aufzuhetzen, die ohnehin schon mehr als genug damit zu tun hat, all die Jahre der verpassten Digitalisierungschancen im Gesundheitswesen aufzuholen, sollte sich ein Gesetzgeber, sollte sich eine von der Regierung beauftragte Digitalagentur wie die Gematik vielleicht stärker auf die Kommunikation der Ziele konzentrieren, die mit der Digitalisierung erreicht werden sollen. Denn wenn sich alle über das Was und das Warum im Klaren sind, wird in der Regel deutlicher, warum Kooperation und verschiedenen Kompetenzen, die ineinandergreifen, auf diesem durchaus steinigen Weg so dringend gebraucht werden.  

Im Übrigen ist das auch mein Learning der vergangenen Sandkastentage: Kam die Ansage von oben, Schaufel und Form zu teilen, hat das meist nur für diesen einen Tag gewirkt. Am nächsten Tag ging das „Spiel“ von vorne los. Warum sollte jemand, der es kann, nicht auch alles für sich beanspruchen, wenn ihm niemand erklärt, dass die größten Sandburgen mit mehr als zwei Händen gebaut werden? 

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