In jeder siebten Praxis in Deutschland wird bereits KI genutzt. In den Krankenhäusern hat sich der KI-Einsatz seit 2022 sogar verdoppelt, zeigt eine aktuelle Bitkom-Umfrage.
Künstliche Intelligenz hat das deutsche Gesundheitswesen erreicht – das zeigt eine aktuelle Umfrage vom Digitalverband Bitkom, Hartmannbund und dem Verband der Ärztinnen und Ärzte Deutschland unter 600 Medizinern anlässlich des Deutschen Ärztetages. Zwölf Prozent der Praxen oder medizinischen Versorgungszentren (MVZ) nutzen KI als Hilfe bei der Diagnoseerstellung, acht Prozent in der Verwaltung. Damit ist KI in fast jeder siebten Praxis im Land bereits im Einsatz. In Krankenhäusern hat sich der KI-Einsatz seit 2022 sogar verdoppelt, zeigt die Umfrage. Dort nutzen 18 Prozent der Befragten KI etwa zur Auswertung bildgebender Verfahren.
„KI kann die medizinische Versorgung individueller und effizienter gestalten – insbesondere in der Prävention, aber auch in der Therapie. Und sie kann Arztpraxen und Kliniken spürbar entlasten – durch präzisere Diagnosen, automatisierte Dokumentation und intelligente Terminsteuerung“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Und Dr. med. Klaus Reinhardt, Bundesvorsitzender des Hartmannbundes, ergänzt: „Künstliche Intelligenz bietet enorme Chancen, die Versorgungsqualität zu verbessern und den Arbeitsalltag in Praxis und Klinik zu entlasten. Wenn 78 Prozent der Kolleginnen und Kollegen KI als große Chance für die Medizin sehen und sie bereits in jeder siebten Praxis sowie bei fast jedem fünften Klinikteam zum Einsatz kommt, dann zeigt das: Die Ärzteschaft ist bereit für diese Transformation – sofern sie ethisch reflektiert, ärztlich verantwortet und technisch zuverlässig gestaltet ist.“
Ja zur KI und Ja zur Regulierung
Neben den 78 Prozent der Befragten, die in der KI eine große Chance sehen, fordern immerhin noch 67 Prozent, dass der Einsatz von KI in der Medizin in Deutschland besonders gefördert werden sollen. 60 Prozent glauben außerdem, dass eine KI in bestimmten Fällen sogar bessere Diagnosen stellen werde als ein Mensch. Gleichzeitig fordern 76 Prozent eine strenge Regulierung von KI für die Medizin. Bitkom-Chef Wintergest glaubt, dass der AI Act der EU wichtige Leitplanken für den verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz setze: „Entscheidend wird sein, dass seine Umsetzung praxisnah erfolgt – nur so kann der Nutzen von KI in der Medizin auch tatsächlich die Ärztinnen, Ärzte, Patientinnen und Patienten erreichen.“
Neben dem Einsatz von KI wurden ferner auch die ganz allgemeinen Präferenzen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen abgefragt – darunter auch der Blick auf die elektronische Patientenakte ePA. Die wird zwar von der Mehrheit der Mediziner befürwortet, allerdings braucht es mehr Unterstützung beim Praxiseinsatz, zeigen die Ergebnisse.
68 Prozent der Mediziner zeigen sich aufgeschlossen für die ePA, wobei jeweils 34 Prozent „sehr aufgeschlossen“ und „eher aufgeschlossen“ sind. Gleichzeitig fühlen sich jedoch drei Viertel (77 Prozent) nicht ausreichend auf ihren Einsatz vorbereitet – 45 Prozent antworten auf diese Frage klar mit „Nein“ und 32 Prozent mit „Eher nein“. Als Vorteile der ePA werden etwa die Vermeidung von Doppeluntersuchungen (73 Prozent), die Möglichkeit zur schnelleren Diagnose durch Einblick in die Krankengeschichte (60 Prozent), die Vermeidung von Wechselwirkungen bei der Medikation (59 Prozent) und mehr Transparenz für Ärzte insgesamt (58 Prozent) gesehen. 43 Prozent betonen, mit der ePA werde die Digitalisierung des Gesundheitssystems insgesamt vorangetrieben und 34 Prozent erwarten ein Mehr an Transparenz auch für die Patienten. 26 Prozent heben die Möglichkeit der Nutzung der Daten für Forschungszwecke hervor.
Freude auf Arbeit mit der ePA
Seit Ende April 2025 läuft nun der bundesweite Rollout der ePA. Mit Blick auf die Technik sind viele Ärzte aktuell aber noch immer unsicher: 86 Prozent glauben nicht, dass die Arbeit mit der ePA technisch reibungslos funktioniert. 66 Prozent fürchten Datenmissbrauch und 62 Prozent einen hohen technischen Aufwand. 61 Prozent fürchten eine Überforderung der Ärzteschaft sowie des Praxispersonals. Es geben aber auch 41 Prozent an, sich auf die Arbeit mit der ePA zu freuen – und mehr als die Hälfte (54 Prozent) hätte eine frühere Einführung begrüßt.
Darüber hinaus st es in Kliniken vor allem die Robotik (26 Prozent), die Mediziner bei ihrer Arbeit unterstützt. Und auch Telemedizin – etwas im Rahmen eines Konzils – wird von 28 Prozent der Befragten bereits genutzt. In Praxen verbreitet sich vor allem die Video-Sprechstunden, die von 25 Prozent der niedergelassenen und angestellten Ärzte in einer Praxis oder einem MVZ angeboten wird, bei 21 Prozent werden Fitness-Tracker und -Apps ausgewertet. Mehr als jede dritte Praxis (37 Prozent) bietet eine Online-Terminvereinbarung an, in 17 Prozent der Praxen sind digitale Aufklärungsbögen und bei 13 Prozent eine Tablet-gestützte Patientenaufnahme im Einsatz.
Hemmschuh Datenschutz
Dass die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen nicht noch weiter fortgeschritten ist, hat strukturelle und technische Gründe. Hauptgrund ist nach Ansicht der weit überwiegenden Mehrheit aller befragten Ärztinnen und Ärzte die Komplexität des Gesundheitssystems (81 Prozent). 57 Prozent machen oftmals langfristige Zertifizierungs- und Genehmigungsverfahren als Hindernis aus und 47 Prozent eine insgesamt zu starke Regulierung des Gesundheitssektors. 65 Prozent kritisieren eine mangelnde Marktreife der vorhandenen digitalen Anwendungen. Die Digitalkompetenz der Patienten sowie der Ärzteschaft wird von jeweils 42 Prozent als bremsend wahrgenommen. 19 Prozent vermuten zudem eine mangelnde Offenheit von Patienten gegenüber digitalen Lösungen in diesem Kontext.
Ein weiteres großes Hindernis für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ist aus Sicht der Medizinerinnen und Mediziner auch eine zu strenge Auslegung des Datenschutzes (59 Prozent). Viele Ärzte sehen in ihm sogar ein zentrales Hemmnis für medizinischen Fortschritt: 72 Prozent sind der Meinung, dass strenge Datenschutzvorgaben häufig Innovationen behindern – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2020, als dieser Wert noch bei 60 Prozent lag. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) fordert mittlerweile eine weniger strenge Auslegung der Vorschriften, um die medizinische Versorgung zu verbessern – ebenfalls ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zu 2020 (32 Prozent). Umgekehrt halten aber auch 22 Prozent den Datenschutz im Gesundheitswesen für zu lasch. Dazu sagt Bitkom-Präsident Wintergerst: „Gesundheitsdaten retten Leben – wenn wir sie verantwortungsvoll nutzen. Es geht nicht darum, Datenschutz abzuschaffen, sondern ihn so weiterzuentwickeln, dass er den Menschen dient – indem sie länger gesund bleiben oder schneller gesund werden. Wir brauchen Regeln, die sowohl Vertrauen schaffen als auch Raum für moderne Medizin lassen.“



