Big Tech in Healthcare: Das sind die strategischen Ziele

by | Mar 11, 2024

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Das amerikanische Analysehaus CB Insights hat sich die Ambitionen der großen Technologiekonzerne im Gesundheitswesen einmal genauer angeschaut. Die Strategien sind unterschiedlich, das Ziel klar: das Marktpotenzial erschließen.  

 

Es ist ganz klar das gigantische Marktpotenzial, welches die großen Technologiekonzerne in Richtung Healthcare zieht. Der demografische Wandel sorgt für eine stetig steigende Nachfrage in den kommenden Jahren, ein stark fragmentiertes Gesundheitssystem, das quasi nach Automatisierung ruft und Kunden aka Patienten, die auch in puncto Gesundheit immer mehr Mitsprache und digitale Lösungen einfordern.

Die Strategie der großen Techkonzerne im Kampf um Marktanteile sei jedoch sehr unterschiedlich, attestierten jetzt die Analysen des US-Marktforschers CB Insights. Beispiel Apple: Am One Apple Park Way konzentriere man sich vor allem auf das Monitoring von Vitalwerten, wie CB Insights berichtet. Die Experten rechnen vor, welches Potenzial alleine in der angekündigten nicht-invasiven Blutzuckermessung über die Apple Watch steckt. Denn die haben aktuell über 100 Millionen Menschen regelmäßig am Handgelenk. Gleichzeitig gibt es alleine in den USA zwischen 30 und 40 Millionen Diabetespatienten, von denen nur etwa zwei bis drei Millionen ihren Blutzucker überwachen. Gleichzeitig werde im US-Gesundheitswesen einer von vier Dollar in die Behandlung von Diabetes gesteckt.

Ein ähnlich großes Potenzial rechnen die Analysten von CB Insights bei den rund 150 Millionen Nutzern der AirPods vor. Denn hier habe sich Apple einige neue Patente sichern können, die alle in Richtung des so genannten Consumer-Wellness-Bereichs gehen. So ließe sich über die AirPods beispielsweise beruhigende Musik einspielen, wenn es beispielsweise das Schlafmonitoring indiziert. Bei CB Insights rechnet man bereits ab der kommenden AirPod-Generation mit neu verbauter Sensorik.

Microsoft und Google setzt auf KI

Ganz anders die Strategie von Mircosoft. Der Konzern konzentriere sich auf seine Kernkompetenzen beim „Hosting“ von Services sowie auf die neu eingekaufte KI-Expertise dank OpenAI. Vor allem die generative KI habe das Potenzial, klinische Dokumentationen auf ein neues Level zu heben, glauben die Analysten von CB Insights. Des Weiteren führen sie die 32 Walmart Kliniken als Beispiel an, wo Microsofts Cloudservice Azure den Zugang zu den elektronischen Gesundheitsakten von Epic liefert. Walmart plane zudem bis 2029 4.000 neue sogenannte „Grundversorgungs-Superzentren“ zu eröffnen. Damit wäre Walmart der größte Primary-Care-Anbieter in den USA und Mircosoft als langjähriger Cloud-Partner vermutlich mit an Bord.

Auch bei Google spiele KI eine entscheidende Rolle auf dem Weg ins Gesundheitswesen. Allerdings sei Google „überall“, sagt CB Insights. Nachdem Google Health vor einigen Jahren eingestampft wurde, habe man sich gegen eine isolierte „Healthcare-Lösung“ entschieden und integriere den Gesundheitsaspekt nun überall. Googles Cloud-Lösungen würden daher im Pharma- und Life-Science-Sektor eine immer größere Rolle spielen. Und auch die Investitionen des Konzerns in KI hätten bisher einige sehr interessante Produktlösungen wie den erst kürzlich kommunizierten Open Health Stack, eine Art Baukasten für Gesundheitsapps, hervorgebracht. Aber auch bei Terminbuchungen sei Google stark. Hier würde sich der Konzern auf seine Such- und Empfehlungskompetenzen berufen, die bei den Nutzern seit Jahren als verlässlich abgespeichert sind.

Amazon geht den direkten Weg

In der Amazon-Konzernzentrale in Seattle hat man sich hingegen für den direkten Weg ins Gesundheitswesen entschieden und dafür 3,9 Milliarden US-Dollar investiert, konkret in die Übernahme des amerikanischen Grundversorgers One Medical. Darüber hinaus habe Amazon ein ganzes Gesundheits-Ökosystem rund um die eigenen Kernkompetenzen aufgebaut, attestieren die Experten von CB Insights: Neben One Medical versorgt Amazon Clinic die Amerikaner mit virtuellen Gesundheitsdienstleistungen, die Medikamente liefert die Versandapotheke Amazon Pharmacy, über RxPass gibt es für alle Chronischkranken die Arzneimittel-Flatrate à la Prime und auch Alexa lernt immer mehr „Gesundheits-Skills“ dazu.

Der Neuling Oracle

Wen sich die etablierten Techriesen derzeit sehr genau anschauen, sei „Neuling“ Oracle, der mit der Übernahme von Cerner einen pompösen Einstand im Gesundheitswesen feierte. 28,3 Milliarden US-Dollar hat die Eintrittskarte gekostet. Wobei man auf der letzten Analysten-Konferenz bereits stolz verkünden konnte, dass seit der Übernahme rund fünf Milliarden US-Dollar an neuen Verträgen abgeschlossen wurden. Vor allem das Cloud-Geschäft wachse, heißt es von CB Insights. Der Blick auf den Aktienkurs zeigt jedoch: Der Markt ist nach wie vor skeptisch. Auch deshalb schiele die Konkurrenz derzeit sehr genau, wie die Integration von Cerner und ob Oracle dieser Stunt gelingt, sagen die Analysten.

KI in der Medizin

Ganz grundsätzlich seien die Techkonzerne aber auch deshalb in einer so guten Position, den Gesundheitsmarkt aufzumischen, weil es Startups immer schwerer haben, ihre ehrgeizigen Unterfangen mit dem nötigen Kapital zu stützen. Vor allem die Entwicklung der generativen KI sei Top-Down getrieben, heißt es von CB Insights. Allerdings sehen die Analysten hier tatsächlich transformatives Potenzial. KI sei nicht nur eine Wette. Fünf Felder schaut man sich bei CB Insights derzeit genauer an. Das sei zum einen der Bereich Protein- und Arzneimitteldesign, der dank generativer KI auf eine ganz neue Ebene gehoben werden könne. Darüber hinaus stecke in der Zusammenfassung von Gespräch für die Dokumentation immenses Potenzial. Hier könne die KI nicht nur die Arbeitsbelastung des medizinischen Personals mindern, sondern auch die Patientenversorgung verbessern. Ein dritter Bereich sei „Wellness-Tech“ – also jene Lösungen, die anhand von Echtzeitdaten personalisierte Erfahrungen wie beruhigende Musik bieten. Ebenso spannend sei die Entwicklung synthetischer Patientendaten. Hier werde die KI mit echten Daten gefüttert, sodass sie daraus synthetische Daten entwickeln kann. Das würde nicht nur die Frage nach dem Datenschutz im Gesundheitswesen beantworten, sondern vor allem auch für bessere, weil größere und diversere Datenmengen sorgen. Und zu guter Letzt könnte die KI chirurgische Tools verändern – etwa mit spezifischen 3-D-Patientenmodellen. Auch Virtual und Augmented Reality könnten ihren Beitrag in der Chirurgie leisten – genau wie im Bereich mentale Gesundheit oder der Konfrontationstherapie. Wir werden in Zukunft beim Thema Gesundheit wohl eher einmal öfter über die großen Techkonzerne stolpern.

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