Kann Telemedizin helfen, die Schlaganfallversorgung in Deutschland zu verbessern? Dieser Frage ist nun erstmals ein Düsseldorfer Forscherteam auf Basis einer fahrzeitbasierten Modellierung nachgegangen.
Bei einem Schlaganfall zählt vor allem eines: schnelle Hilfe. Die bekommen in Europa allerdings weniger als ein Sechstel aller Patientinnen und Patienten – selbst in gut ausgebauten Großstädten. Deshalb hat ein Team der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) im Rahmen einer Studie untersucht, wie Telemedizin die Schnelligkeit der Versorgung optimieren könnte.
Konkret haben die Forschenden dafür die direkte Fahrt zu einer zertifizierten Stroke Unit mit einem sogenannten Hub-and-Spoke-Modell verglichen, also die Versorgung auf einer spezialisierten Akutstation mit der Option, Patienten im nächstgelegenen Krankenhaus mit CT-Diagnose und per Telemedizin zugeschalteter Stroke Unit zu behandeln. Das Ziel in beiden Fällen: Eine schnelle Entscheidung für eine Lysetherapie, also die medikamentöse Auflösung der Gerinnsel. Denn in Deutschland gibt es aktuell 349 zertifizierte Stroke Units, dafür aber deutlich mehr Häuser mit Zugang zu einem CT. Das Team wollte also wissen, ob die vorhandene Infrastruktur zielgerichteter genutzt werden kann, um Diagnostik und Therapiebeginn zu beschleunigen. Damit liefert die Studie erstmals eine umfassende deutschlandweite Modellierung der Fahrzeit-basierten Erreichbarkeit verschiedener Schlaganfallstrukturen und quantifiziert, wo ein telemedizinisch gestütztes Hub-and-Spoke-Konzept den größten Zeitgewinn bringen könnte. Damit schafft sie eine wichtige Grundlage, um Versorgungsstrategien gezielt dort weiterzuentwickeln, wo der Nutzen für Patientinnen und Patienten am größten wäre.
Auswertung auf Datenbasis
Für die Analyse wurden bundesweit Krankenhäuser mit CT, „stroke-ready“-Krankenhäuser mit hoher Schlaganfall-Expertise sowie zertifizierte Stroke Units erfasst. Mit Hilfe einer geographischen Modellierung wurden Fahrzeiten von 5 bis 60 Minuten berechnet und mit Bevölkerungs- und Siedlungsdaten überlagert. Zusätzlich wurden verschiedene Szenarien simuliert, etwa unterschiedliche Rettungswagen-Geschwindigkeiten oder zusätzliche Verzögerungen im erstangefahrenen Krankenhaus, die im Hub-and-Spoke-Modell auftreten könnten.
Die Ergebnisse zeigen eine klare Staffelung der Erreichbarkeit. Innerhalb von 30 Minuten können nahezu alle Menschen in Deutschland ein CT-ausgestattetes Krankenhaus erreichen (98,9 Prozent). Ein „stroke-ready“-Krankenhaus liegt für 90 Prozent innerhalb dieser Zeit. Eine zertifizierte „Stroke Unit“ ist hingegen nur für 85 Prozent innerhalb von 30 Minuten erreichbar.
Ländlicher Raum profitiert
Genau an dieser Stelle kann das Hub-and-Spoke-Modell Vorteile bringen, ist das Team überzeugt. Denn im Vergleich zur direkten Fahrt in eine Stroke Unit könnten 36,4 Prozent der Bevölkerung die Bildgebung mindestens zehn Minuten früher starten; für 14,2 Prozent ergäbe sich sogar ein Zeitgewinn von mindestens 20 Minuten. Je nach Annahmen zu Fahrgeschwindigkeit und innerklinischen Verzögerungen schwankten diese Werte allerdings deutlich. Besonders wichtig: Der potenzielle Nutzen nahm ab, wenn im erstangefahrenen Krankenhaus zusätzliche CT-Verzögerungen simuliert wurden.
Die Analyse zeigte zudem, dass die möglichen Zeitgewinne vor allem in ländlichen Regionen liegen, in denen Wege zu spezialisierten Stroke Units länger sind. Auch zwischen den Bundesländern bestanden erhebliche Unterschiede: In Sachsen-Anhalt könnten unter Standardannahmen fast die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner vom Hub-and-Spoke-Modell profitieren, während der Vorteil in Hamburg, Bremen oder Berlin unter fünf Prozent lag. Insgesamt unterstreichen die Daten, dass auch innerhalb eines hochentwickelten Gesundheitssystems wie Deutschlands deutlich messbare Ungleichheiten in der schnellen Schlaganfallversorgung bestehen.
Praktische Fragen bleiben offen
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine konsequente Nutzung CT-ausgestatteter Krankenhäuser in Kombination mit Telemedizin helfen könnte, Diagnostik und Lysetherapie schneller verfügbar zu machen und damit die Versorgungslücke insbesondere im ländlichen Raum zu verkleinern“, erläutert Prof. Dr. Michael Gliem, kommissarischer Direktor der Klinik für Neurologie und Leiter der Stroke Unit am UKD. Er betont allerdings auch, dass praktische Fragen noch offenbleiben: Welche Abläufe und Qualitätsstandards sind nötig, um Verzögerungen im ersten Krankenhaus zu minimieren? Wie lassen sich Transportlogistik, Personalressourcen und Zuständigkeiten organisieren? Und wie sieht die Kosten-Nutzen-Bilanz im Vergleich zu anderen Ansätzen wie etwa von mobilen Stroke Units aus?
„Um genaue Vergleiche vor Ort treffen zu können haben wir die Ergebnisse dafür auch für Landkreise und Bundesländer berechnet und als interaktive Webapp veranschaulicht – so können sich Fachpersonal aber auch Laien ein Bild von der Lage in der eigenen Umgebung machen.“, weist Dr. Lars Masanneck, Erstautor der Studie und Co-Leiter der Arbeitsgruppe „Digitale Translation in der Neurologie“ am UKD hin. Diese Webapp finden Sie hier: https://masannecklab.github.io/GeoStroke-Visualizer/



