Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Ohne die Doppelvorhaltung der KVen und Rettungsdienste wäre die Notfallversorgung deutlich effizienter und würde beide Systeme deutlich entlasten.
Wen alarmiere ich im Notfall und wie wird dieser überhaupt definiert? Das wissen offensichtlich noch zu wenige Menschen in Deutschland und rufen im Zweifel den Rettungswagen anstatt sich über die 116117 an die Notfallversorgung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zu wenden. Das ist Ressourcenverschwendung zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung und bringt auch direkt Lösungsvorschläge mit.
Denn gerade der demografische Wandel stellt die Notfallversorgung künftig vor neue Herausforderungen. Die Zahl der älteren Menschen mit chronischen Leiden und Mehrfacherkrankungen nimmt zu. Viele dieser Menschen leben allein zu Hause und können sich bei leichteren Notfällen oft nicht selbst helfen. Hilfe suchen sie beim Fahrdienst der KVen oder beim Rettungsdienst. Welcher Dienst alarmiert wird, ist häufig Zufall – nicht selten werden sogar beide Dienste parallel kontaktiert. Und trotzdem gibt es nur in einem Bundesland eine strukturierte Abstimmung zwischen beiden Systemen – und das obwohl beide nicht nur strukturell überlastet, sondern auch sehr unterschiedlich für diese Aufgaben qualifiziert sind, heißt es in der Studie.
Deshalb hat die Bertelsmann Stiftung im Health Transformation Hub Vertreter beider Systeme zusammengeholt, um gemeinsam ein Lösungskonzept zu skizzieren. Profitiert habe der Hub von den Erfahrungen aus der Region Berlin, wo es eine regelmäßige Übergabe sogenannter Low-Code-Fälle zwischen der integrierten Leitstelle der Feuerwehr und der Leitstelle der KV gibt. Außerdem haben die Experten berücksichtigt, wie in der KV Niedersachsen telemedizinische Gespräche und nicht-ärztliche Gesundheitsberufe im Fahrdienst der KVen eingesetzt werden. So ist in einem mehrstufigen Diskussionsprozess ein Lösungskonzept entstanden, das die verschiedenen Perspektiven der beteiligten Akteure zusammenführt. Wenn die Versorgung diesen Ideen folgt, wäre die zukünftige Notfallversorgung sowohl effektiver als auch effizienter als das gegenwärtige System, ist man überzeugt.
Rahmenbedingungen passen noch nicht
Allerdings seien dafür auch noch erhebliche Anpassungen nötig, um eine bessere Steuerung unterschiedlicher Notfälle oder gar eine funktionale Zusammenführung beider Systeme zu ermöglichen. Bei Bertelsmann führt man hier beispielsweise zusätzliche Qualifikationen für das Fachpersonal auf, um diese bei den Low-Code-Fällen einsetzen zu können. Außerdem bedarf es einer rechtlichen Klärung, damit Ärzte medizinische Leistungen an dieses Fachpersonal delegieren zu können. Und auch organisatorische und finanzielle Auswirkungen müssen mitbedacht werden, wenn Low-Code-Notfälle künftig in die Zuständigkeiten der KVen verlagert werden sollen.
Die Modellmaßnahmen in Niedersachsen und Bayern würden jedoch zeigen, dass es eine grundsätzliche Offenheit für Kooperationen gäbe und diese auch im Gesetzentwurf zur Notfallreform berücksichtig wurden. Auf dieser Basis könne ein einheitlicher Dienst für Low-Code-Fälle entwickelt werden.
Gleichzeitig glaubt man bei der Bertelsmann-Stiftung, dass die föderale Struktur der Rettungsdienste und der KVen dafürspreche, dass es zuerst unterschiedliche Modelle für die Zusammenarbeit zwischen beiden Diensten geben wird. „Allerdings wird der Gesamtprozess einer Zusammenführung befördert, wenn grundlegende Punkte, wie eine Finanzierungsregelung, bestimmte Qualitätsvorgaben und Anforderungen an die Kompetenzprofile der beteiligten Berufsgruppen, bundesweit entweder von den Spitzenorganisationen, dem Gremium nach § 133b Notfallreformgesetz oder auf Initiative des BMG (etwa im Berufsrecht) festgelegt werden – also unabhängig von der jeweiligen regionalen Ausprägung“, heißt es in der Analyse.
Mit einer solchen bundesweiten Rahmensetzung könne zudem verhindert werden, dass aus falsch verstandenen regionalen Interessen oder Rücksichtnahmen neue Parallelstrukturen etabliert werden. „Unter diesen Voraussetzungen können weitere flächendeckende Initiativen wie in Niedersachsen in den nächsten drei bis fünf Jahren erwartet werden“, heißt es abschließend.
Patientensteuerung der außenklinischen Notfall- und Aktuversorgung



