Die erste bundesweite Erhebung zeigt, dass Drogenkonsumräume wirken, weniger Todesfälle nach sich ziehen sowie Gesundheitswesen und Gesellschaft entlasten.
Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, die Bundesarbeitsgemeinschaft Drogenkonsumräume und die Deutschen Aidshilfe (DAH) haben heute gemeinsam die erste bundesweite Erhebung zur Nutzung sogenannter Drogenkonsumräume veröffentlicht und die Zahlen zeigen: Es wurden über 650 Drogennotfälle bewältigt, von denen – anders als auf der Straße – keiner tödlich endete. Insgesamt fanden in Deutschlands Drogenkonsumräumen mehr als 650.000 Konsumvorgänge statt, darunter 230.000 Injektionen. Da in diesen Einrichtungen für jeden einzelnen Konsum sterile Spritzen und Utensilien ausgegeben werden, wird die Übertragung von HIV oder Hepatitis komplett verhindert.
Die Zahlen zeigen allerdings auch, dass die Realität außerhalb dieser geschützten Räume anders aussieht: 2.277 drogenbedingte Todesfälle registrierte das Bundeskriminalamt 2023 – mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahre zuvor und so viele wie nie. Außerdem steigt auch die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter Drogenkonsumenten seit 2010.
Versorgungslücken schließen
„Die Zahlen belegen eindrucksvoll, dass Drogenkonsumräume Leben retten und Infektionen verhindern. Doch sie zeigen auch, dass wir dringend mehr dieser Einrichtungen brauchen –in allen Bundesländern und mit längeren Öffnungszeiten”, sagt Sven Warminsky vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe.
Derzeit gibt es Drogenkonsumräume nur in acht der 16 Bundesländer. In Schleswig-Holstein und Sachsen wurden bereits die erforderlichen Rechtsverordnungen erlassen. In Kiel soll in diesem Jahr in Drogenkonsumraum und in Leipzig ein Konsummobil in Betrieb gehen. In den übrigen Ländern Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen fehlen die Rechtsverordnungen noch. Der Betrieb von Drogenkonsumräumen ist dort darum immer noch nicht zulässig, in Bayern beispielsweise auch ausdrücklich nicht erwünscht. Dabei ist Bayern bei den drogenbedingten Todesfällen auf Platz drei der Bundesländer, zeigt die Erhebung.
Beratung und Weitervermittlung
Neben dem sicheren Konsum bieten Drogenkonsumräume einen wichtigen Zugang zu Hilfsangeboten. 52.000 Beratungen fanden hier 2023 statt – oft mit Weitervermittlung in die Substitutionsbehandlung, Entgiftung oder andere Therapien.
„Drogenkonsumräume sind mehr als Orte des sicheren Konsums. Sie sind eine Brücke in das Hilfesystem und tragen dazu bei, die gefährlichen Folgen von Abhängigkeitserkrankungen zu minimieren – bis hin zum Ausstieg aus der Sucht”, erklärt Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe.
Entlastung für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem
Drogenkonsumräume sind ferner nicht nur für die Konsumierenden von Vorteil, sondern auch für die Gesellschaft. Neben der Entlastung des öffentlichen Raums und sauberen Städten, stellen sie auch eine Kostenersparnis im Gesundheitswesen dar, da HIV- und Hepatitis-Infektionen mit hohen Behandlungskosten verbunden sind. Auch Notfalleinsätze durch Rettungsdienste könnte verhindert werden. Deshalb seien Drogenkonsumräume ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft, attestiert Warminsky.
Herausforderungen Crack
Die Erhebung zeigt allerding auch, dass sich der Drogenkonsum verändert. Vor allem der inhalative Konsum insbesondere mit Crack nimmt zu. 115.000 der registrierten Konsumvorgänge entfielen auf die Substanz, was die Drogenhilfe vor Herausforderungen stellt, da Crack mehrfach am Tag konsumiert wird. „Die Zeiten von reinen ,Fixerstuben’ sind längst vorbei. Drogenkonsumräume müssen heute auf verschiedene Konsumformen vorbereitet sein und brauchen mehr Kapazitäten, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden”, erklärt Dirk Schäffer.
Regelmäßige Datenerfassung geplant
An der Befragung beteiligten sich 29 der 32 Drogenkonsumräume in Deutschland. Insgesamt nutzten im Jahr 2023 rund 18.500 Menschen deren Angebote. Die Erhebung soll künftig jährlich stattfinden, um Entwicklungen besser zu verstehen und Bedarfe frühzeitig zu erkennen.
„Die Daten belegen: Ohne Drogenkonsumräume wäre die Zahl der Drogentoten und schwerwiegenden Infektionen in Deutschland noch viel höher. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Therapie und zum Ausstieg aus der Sucht und verhindern negative Folgewirkungen für die Gesellschaft”, fasst Schäffer zusammen.



